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Die Toten Hosen in Berlin : Abende wie diese

31.12.2012 00:00 Uhrvon
An der Front. Campino beim Konzert in BerlinBild vergrößern
An der Front. Campino beim Konzert in Berlin - Foto: DAVIDS

Deutschrock für alle: Die Toten Hosen spielen in der Max-Schmeling-Halle vor ausverkauftem Haus.

„Von Audi! In der Franklinstraße!“, bellt der Herr am Gästelistencounter durch die Glasscheibe. Die Dame am Schalter blättert in ihren eng bedruckten Listen: „BMW hätte ich hier. Von BMW?“ Der Herr antwortet: „Nee, von Audi. Und ick fahr’ Porsche. Jetzt wissen’Se alles über mich.“ Er schmettert ein lautes Lachen in den nächtlichen Jahnsportpark. Die Schlange, die sich hinter ihm gebildet hat, lacht pflichtbewusst mit. Vielleicht werden ein paar der Schlangesteher an diesen Wortwechsel denken, wenn Campino zwei Stunden später auf der Bühne der Max-Schmeling-Halle sein „Liebeslied“ anstimmt, in dem es um zersplitterte Fensterscheiben und ausgebrannte Fahrzeuge geht.

Einen Porsche hätten die Protagonisten dieses Songs sicher nicht stehen lassen.

Es ist nur eine kleine Anekdote, eine von mehreren, die sich um das erste von zwei ausverkauften Berliner Die-TotenHosen-Konzerten spinnen. Man hätte auch von der oberbayerischen Herrenrunde erzählen können, die sich tags zuvor gen Nordosten aufmachte und bereits an Bord des ICE ausführlich betrank, Schafkopf spielte und abscheuliche Witze erzählte. Oder von dem Obdachlosen, der noch am Nachmittag mit einem Transistorradio im kalten Vorraum des U-Bahnhofs Hansasplatz auf dem Boden saß und „Tage wie diese“ murmelte, den bisher wohl größten Hit der Toten Hosen. Die Essenz all dieser Geschichten: Wenn die Düsseldorfer ihre Tour „Krach der Republik“ nennen, übertreiben sie nicht. Über die Jahre hat sich ihre Musik in den Kulturschatz unserer Gesellschaft eingefräst. Sie gehört zu uns, ob wir wollen oder nicht. Sie bedeutet etwas, längst nicht mehr nur für die im „Liebeslied“ so sozialromantisch besungenen Punks und Freizeitrevolutionäre und ihren ewigen Tanz zwischen Angriff und Flucht, sondern eben auch für Autohändler und Mittelständler. Eigentlich sind die Toten Hosen Deutschland.

Wie löst man das auf einem Konzert? Die Band gibt sich alle Mühe, eine Klammer zu sein. Klar, viele sitzen oder stehen in den Rängen, wo es ruhiger zugeht. Angegraute Ex-Punks, Familien mit Kindern, junge Mädchen. Sie nehmen nicht teil, sie beobachten. Aber der Punk, er kommt vor. Der Moshpit vor der Bühne ist groß und giftig, das Gedränge bei einigen Nummern so brutal, dass Campino, Sänger und Bandleader, einen Song einige Male unterbricht, als er sieht, dass im vorderen Hallendrittel Besucher auf dem glitschigen Untergrund die Balance verlieren und mal zehn, mal fünfzehn Menschen auf dem Boden liegen.

In der Hallenmitte tanzen die Fans um bengalische Feuer, die Security-Kräfte lassen sie machen. Und Campino sucht immer wieder den Kontakt zum Publikum. Was anfangs noch Spaziergänge über die Boxen am Bühnenrand sind, wird später zu zwei Songs, die er inmitten der Fans intoniert, schließlich gibt’s noch einen gepflegten Sprung in die Masse. Zwar werden die „Nazis raus“-Rufe des Publikums unterstützt, allerdings recht schmallippig erklärt. Es gehe nicht darum, irgendwelche Rechtsaußens zu bekehren, sondern darum, Flagge zu zeigen, sagt Campino sinngemäß. Dazu allerdings hätte man in einer Zeit, in der der Rechtsrock von Bands wie Frei.wild in den Hitparaden und somit in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist, einige Worte mehr verlieren können.

An anderer Stelle sind die Toten Hosen frecher – etwa, wenn es um die Ankündigung eines Gastes geht. Eine junge Band aus Berlin, so sagt Campino, sei ihnen unlängst aufgefallen, und da wolle man nun eines der Mitglieder auf die Bühne bitten. Der Gast ist Rod González von, na klar, den Ärzten, und er hilft bei „Schrei nach Liebe“. Keine Überraschung, die Coverversion des Ärztehits gehört schon länger zum Liveprogramm der Toten Hosen. Aber wohl die schönsten drei Minuten des Konzerts.

Das dauert 32 Songs, zweieinhalb Stunden, mit drei Zugabenblöcken. Die Hosen spielen alte Hits („Hier kommt Alex“), mittelalte (das fürchterliche, englisch gesungene „Pushed Again“) und neue („Tage wie diese“). Sie covern Hannes Waders Evergreen „Heute hier, morgen dort“, „Hang On Sloopy“ von den McCoys und gegen Ende das Folk-Traditional „Auld Lang Syne“, alles in beschleunigten Versionen. Ab und an frotzelt sich Fortuna-Anhänger Campino durch ein paar Hertha-Witze, und einige Male wird’s gefühlig. Etwa bei der ersten Zugabe „Draußen vor der Tür“. Gedimmtes Licht, akustische Gitarre. Eine neue Nummer, die vom Vater-Sohn-Konflikt erzählt. In den Rängen kreisen Smartphones und Feuerzeuge.

Die Band verzichtet auf Trinklieder wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ und „Zehn kleine Jägermeister“, an sich feste Säulen. Aber bekanntlich wird das mit dem Alkohol im Alter schwieriger, der Kater bleibt länger und das schlechte Gewissen auch, weil man am nächsten Tag schließlich Dinge zu erledigen hat. Gilt auch für den Sänger einer Rockband: „Morgens um sechs Uhr den Kurzen aus dem Bett, sind zu müde, doch die Cornflakes sind perfekt. Fahren zur Schule, parken hinten auf dem Hof. Gibst mir ’nen Kuss, rufst ,Papa ich muss los’“, heißt es in „Das ist der Moment“ – auch eines der Stücke des im Mai erschienenen 15. Albums „Ballast der Republik“. Der Song gipfelt darin, dass im Autoradio – na, wer wohl – die Toten Hosen laufen. Mit dem englischen Punk der Spätsiebziger, der weite Teile des immerhin ins 31. Jahr gehenden Werks prägt, hat das alles nicht mehr viel zu tun. Eher ist es breit inszenierter Deutschrock für alle, die auch Unheilig oder Grönemeyer mögen und Musik vor allem dann schätzen, wenn sie weniger über verschiedene Interpretationsebenen, als über ausreichend Identifikationspotenzial verfügt und einem irgendwie freundlich auf die Schulter klopft.

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