Kultur : Die Toten von Sotschi

Manfred Quiring über die Tscherkessen.

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Manfred Quiring nimmt sich ein Thema vor, das den meisten Deutschen – und auch dem Rest Europas – nichts sagt: die Tragödie der Tscherkessen, der Urbevölkerung der Region rund um die Olympiastadt Sotschi. Heute sind die nur noch eine der kleineren Minderheiten im ethnisch bunt durchmischten Nordkaukasus und über die halbe Welt verstreut. Mit selbst für damalige Zeiten unfassbarer Grausamkeit hatte das Zarenreich schon im Großen Kaukasuskrieg, der mit kurzen Unterbrechungen fast hundert Jahre währte, versucht, den Widerstand der Tscherkessen zu brechen. Nach dem Sieg 1864 stellte Russland sie vor die Wahl: bedingungslose Unterwerfung und Umsiedlung von den Bergen in die Schwarzmeer-Küstenebene, wo jeder Aufruhr schnell im Keim zu ersticken wäre, oder kollektive Verbannung ins Osmanische Reich. Weit über die Hälfte der Volksgruppe bezahlte dafür mit dem Leben. Allein bei Krasnaja Poljana, wo die alpinen Wettbewerbe ausgetragen werden, stürzten sich hunderte Tscherkessen in eine Schlucht, um der Deportation zu entgehen. Radikale Nationalisten sprechen von Völkermord und riefen zum Boykott der Spiele auf: Sie würden wortwörtlich auf den Knochen der Tscherkessen ausgetragen.

Quiring bezeichnet das Drama der Tscherkessen dagegen als „vergessenen Völkermord“. So auch der Titel. Richtiger wäre: „verdrängter Völkermord“. Denn die Fakten sind gut dokumentiert, die Akten dazu auch in russischen Archiven frei zugänglich. Doch Moskau hat begreiflicherweise kein Interesse, seinen international ohnehin angekratzten Ruf weiter zu beschädigen. Und die stets sehr mit sich selbst beschäftigte westliche Öffentlichkeit hat angesichts wachsender Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und Moskaus Kooperation beim geordneten Rückzug aus Afghanistan offenbar Beißhemmungen.

Auch Quiring, über zwei Jahrzehnte Auslandskorrespondent in Moskau mit einem Faible für den Kaukasus, konnte das Thema erst im Vorfeld der Olympischen Spiele „unterbringen“. Er behandelt es ausführlich, stellt es in den Kontext des umstrittenen Prestigeprojektes Sotschi 2014 und zeichnet dabei das Bild einer wiedererstarkten Weltmacht, die bis heute nicht in der Moderne angekommen ist und nach wie vor in Kategorien des Großfürstentums Moskau denkt.

Quiring hat sich einem eindrucksvoll akribischen Quellenstudium unterzogen hat. Korrekte Zitate und exakte Recherche sind denn auch die Stärken des Buches. Quiring, Jahrgang 1948, ist durch und durch Journalist. Auch bei Schilderungen seiner zahlreichen Reisen in die Region kämpft der Berichterstatter stets gegen den Reporter, der dabei meist den Kürzeren zieht. Etwas mehr Mut zur Farbe – vor allem bei der weit zurückliegenden Vergangenheit – hätte dem Werk gutgetan.







– Manfred Quiring:

Der vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Links Verlag, Berlin 2013. 224 Seiten, 16,90 Euro.

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