Kultur : Die Träume sind frei

Cristina Tilmann

Die Bilder der Erinnerung sind verschwommen: verwackelte Amateur-Filme, die Farben verblasst, die Auflösung körnig. Bilder vergangenen Glücks: Fünf junge Mädchen tollen ausgelassen am Strand, treiben wie Möwen auf den Wellen, wickeln sich zitternd in Handtücher. Doch die Erinnerung, nach Marcel Proust Quelle des Glücks, erfüllt den jungen Simon (Stanislas Merhar) mit Bitterkeit und Sorge: Denn die am Strand spielenden Mädchen gehören zu einer Welt, zu der er keinen Zugang hat. Das Netz der Vertrautheit, wahrscheinlich auch der körperlichen Liebe, schließt ihn, den männlichen Beobachter, aus.

Die Unmöglichkeit, den anderen zu kennen, hat Marcel Proust wie kein anderer beschrieben - in der verzweifelten Liebe, die Swann mit der leichtlebigen Odette verbindet, ebenso wie in der Beziehung des Ich-Erzählers Marcel zu Albertine. Auch wenn ihr ein ganzer Band der "Recherche" gewidmet ist, bleibt sie immer Projektion. Marcel wie auch der Leser erfährt niemals, wann sie lügt, wie sie lebt und wen sie wirklich liebt. Dieses Motiv der Undurchdringlichkeit auch des geliebten Menschen hat Chantal Akerman in ihrem filmischen Kammerspiel "Die Gefangene" konzentiert in die Gegenwart übersetzt.

Die Konstellation ist wie bei Proust: Simon, reicher, kränkelnder Bürgersohn, lebt mit seiner Großmutter in einer düsteren Pariser Altbauwohnung und beschäftigt sich eher pro forma mit Literaturstudien. Seine Freundin Ariane (Sylvie Testud), eine der Meernymphen aus der Anfangssequenz, lebt einen Sommer lang in dieser Wohnung, halb als sein Gast, halb als Gefangene. Ausgehen darf sie nur in Begleitung ihrer Freundin Andrée (Olivia Bonamy), die Marcel nach jeder Exkursion ausfragt. Ihr ganzes Dasein ist darauf ausgerichtet, Simon jederzeit zu Diensten zu sein.

Das deutet auf Unterdrückung und Ausbeutung hin. Doch je mehr Simon kontrolliert, desto mehr entgleitet Ariane ihm. Leichtfüßig eilt sie durch Paris, und er folgt ihr als stiller Schatten. Durch das Rodin-Museum, wo sie durch leere Räume gleitet, während das Parkett unter seinen schweren Tritten quietscht. Die steilen Stufen zum Montmartre hinauf, die sie fast emporschwebt, während er atemlos zurückbleibt. Ein Besessener: Irgendwann sieht er Arianes weißen Schal an jeder Ecke.

Gerade Arianes allzeitige Verfügbarkeit ist Simons Qual: Entzieht sie sich, indem sie sich ihm hingibt? Je mehr er fragt, desto weniger traut er den Antworten. Noch im intimsten Moment trennt die beiden eine Glaswand. Es kommt nicht von ungefähr, dass er nur wirklich Lust empfindet, wenn sie schläft, ihm hilflos ausgeliefert ist. "Als harmlos empfinden wir das eigene Verlangen, als schrecklich aber das der anderen", zitiert das Presseheft Marcel Proust. Wenn man sieht, wie Simon sich den Körper Arianes aneignet, versteht man, was das heißt. Und begreift gleichzeitig den großen Denkfehler: Denn die Schlaf- und Traumwelt Arianes ist genau das Feld, in das Simon ganz gewiss nicht eindringen kann. Die Gedanken, die Träume sind frei. Gerade im Schlaf verliert er sie.

Simons Verzweiflung ist abstoßend - und verständlich. Denn so willig Ariane ihm zur Verfügung steht, ihre Hingabe hat etwas Mechanisches. Obwohl sie seine angstvoll forschenden Fragen immer beruhigend beantwortet - ja, sie ist glücklich, ja, sie liebt ihn, ja, sie wird bei ihm bleiben - sieht man sie niemals befreit lachen, wie sie mit ihren Freundinnen lachte, bleibt sie immer beherrscht und unterwürfig. Gerade bei Sylvie Testud, die so ausgelassen sein kann, wirkt diese Zurückhaltung fremd. Warum sie bei Simon bleibt, warum sie sich auf dieses Arrangement einlässt, bleibt unklar. Das identifiziert den Zuschauer zwangsweise mit der Rolle des männlichen Beobachters, der zwar sehen, aber nicht verstehen kann.

Und doch muss da so etwas wie Liebe im Spiel sein. Im Augenblick der Trennung ist nicht Simon, sondern Ariane die Verzweifelte, die leidet und zum ersten Mal aufbegehrt: "Das ist deine Entscheidung, nicht meine." Minutenlang umkreisen die beiden sich, und jedes Abschiedswort ist ein stummer Schrei zu bleiben. Und wenn sie sich durchsetzt, wenn diese Geschichte noch einmal weiterläuft, dann ist damit nichts gewonnen. Mit dieser bitteren Schwebe hätte die Regisseurin enden sollen. Den groben Schluss hat dieser genau beobachtende Film nicht verdient.

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