Kultur : Die Trauer von Mrs. Smith

Prominenz ist eine Farce: der Modefotograf Steven Klein bei Camera Work

Kai Müller

Sie liegt auf dem Bett, er gießt die Blumen. Später wird sie sich erheben und einen Drink holen. Oder sie wird liegen bleiben, während er vor dem Fernseher einnickt. Sie sprechen ein Tischgebet. Und wenn die Kinder im Garten planschen, sind immer zwei Cocktails in Reichweite. In Steven Kleins Fotoserie „Case Study“ sieht man einem Paar in seinem Vorstadtbungalow beim gepflegten sich Zerfleischen zu. Nach außen hin präsentiert es Wohlstand, Stil, eine heile, juwelenbehängte Welt. Erst wenn es sich unbeobachtet glaubt, fallen die Schranken. Fallen die beiden wie Raubtiere über sich her oder versuchen einander durch aggressive Gleichgültigkeit zu vernichten.

Für ein gewöhnliches Paar ist dieses allerdings zu schön – und zu prominent. Denn Klein hat seine Familienhölle mit Brad Pitt und Angelina Jolie inszeniert, pikanterweise zu der Zeit, da sich die beiden Hollywood- Schauspieler, die für den Agententhriller „Mr. und Mrs. Smith“ gemeinsam vor der Kamera standen, auch privat näher kamen. Seitdem gelten sie als neues Traumpaar der Celebrity-Welt, was dem 18-teiligen, vorwiegend schwarzweißen Bilderzyklus einen doppelbödigen Kitzel verleiht. Tatsächlich sind Steven Kleins „Case Studies“, die jetzt bei Camera Work gezeigt werden, eine Reflexion über die mediale Welt des Augenscheins. Nichts ist, wie es sich zeigt, selbst wenn es Momente größter Intimität sind, lautet das deprimierende Credo.

Steven Klein ist wohlvertraut mit Verstellungsmechanismen. Seit ein paar Jahren zählt der 41-jährige Shooting-Star zur Elite der Modefotografen, die für „Vogue“ und das „W“-Magazin arbeiten und verlockende Idealbilder schaffen. Darüber hinaus aber hat er sich den Ruf eines „anti-fashion fashion Photographers“ erworben („New York Magazine“), der ebenso kommerziell wie geschäftsschädigend vorgeht. Denn der Autodidakt, der ursprünglich Maler werden wollte und während eines Studienaufenthalts in Paris für Dior zu fotografieren begann, taucht die Welt des Glamours und der Makellosigkeit immer wieder in ein düsteres Licht voller Exzesse.

Den Teenie-Schwarm Justin Timberlake lichtete er mit blutüberströmtem Gesicht ab. Sein Lieblingsmodel Brad Pitt nahm er 1999 in der Pose des vergewaltigten „Fight Club“-Schlägers auf, der bäuchlings auf einem Betonfußboden lag, die Hosen bis auf die Knöchel heruntergerissen. Zuletzt erregte Klein mit einer Serie von Madonna-Fotos Aufmerksamkeit, auf denen die Pop-Diva in eigenartigen Verrenkungen und opulenter Kostümierung die Ambivalenz von Schönheit und Selbstquälerei auslotete.

Für seine neuen Projekte hat der New Yorker Fotograf wieder einen Besetzungscoup gelandet. So konnte Klein den ehemaligen Chef-Designer von Gucci Tom Ford für eine Geschichte namens „Valley of the Dolls“ gewinnen. Auf den 15 Bildern, die bei Camera Work in einer Fünfer-Edition vertrieben werden (Startpreis: 5400 Euro), sieht man den Vordenker des Mode-Business eine befremdlich-futuristische Puppen-Szenerie arrangieren. An den arischen Körperkult erinnern die blond gelockten Modellathleten, deren Uniformität von Ford auf Hochglanz getrimmt wird. Einem dieser Muskelgeschöpfe poliert er im wahrsten Sinne des Wortes den entblößten Hintern. Dann wieder küsst Ford das Gerippe einer Puppe, von deren Kopf er die Gesichtsmaske abgetrennt hat. Der Modemacher als Kannibale. Zu Kleins grimmigem Humor gehört, dass die Maske in Fords Hand unverkennbar Züge von Angelina Jolie trägt. Deren Antlitz erstarrt auch in „Case Study # 13“ zur Fassade ( pro Bild zwischen 6800 und 10 600 Euro).

Wahre Empfindungen, echte Augenblicke kommen auch in den „Fallstudien“ nicht vor, mit denen Klein das Genre der Borderline-Fotografie weiter ausmisst. „Insgeheim wünschen wir alle, für das bestraft zu werden, was wir lieben“, schrieb Simon Dumenco über den „sanften Sadismus“ der Klein’schen Hochglanz-Entlarvung. Sie bedient sich des Schlüsselreizblicks der Modebranche, um von der Trauer zu erzählen, darin gefangen zu sein.

Camera Work, Kantstraße 149, bis 10. Juni, Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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