Kultur : Die Traumfilmerin

Aimee Mann, die Legende aus „Magnolia“, gibt ihr erstes Konzert in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Alles ein großes Missverständnis. Man muss allein sein mit Aimee Mann. Mit dieser Stimme. Schnell wieder allein sein mit dieser Stimme. Mit dieser vielleicht schon gewesenen Stimme.

Aber Aimee Mann, Legende spätestens seit „Magnolia“, ist in Berlin – und da kann man doch gar nicht anders als hingehen, da muss man doch einfach hingehen, da kann man doch nicht einfach cool und herzlos sein. Und sie ist sogar zum ersten Mal in Berlin, drei Jahre nach dem legendären Film, den Paul Thomas Anderson extra für sie drehte, oder besser: extra ihretwegen, extra wegen ihrer schmerzhaft melancholischen Songs zur Gitarre, von „Save Me“ bis „Wise Up“; genauer noch: dieser „Magnolia“, episodisch, elliptisch, pathetisch und intim, war nichts weiter als die Bildspur gewesen zu einem Traumfilm aus Wörtern und Tönen, am allergenauesten: Aimees Film. Aber das wissen wir ja. Also an einem späten Winterabend in den Konzertsaal der UdK. Ausverkauft, natürlich ausverkauft: 1350 Leute wollen Aimee Mann gucken, endlich auch mal gucken, die Sängerin, die sie im Ohr und in ihren Erinnerungen haben seit ein, zwei, drei Jahren und mehr. Und hören: jetzt und hier.

Eine Vergewisserungslust. Eine kollektive aus lauter sehr Einzelnen oder Zweisamen, mehr geht nicht bei Aimee Mann, man kann’s zwar versuchen, aber mehr geht einfach nicht auf. Und dann ist sie, nach langem Warten, plötzlich auf der Bühne. Groß und dünn und mit diesen langen, ewig leuchtblonden Haaren. Rote Samtjacke, blaue Röhrenjeans. Ein Strich in der Klanglandschaft, steht sie da vor 1350 sitzenden Leuten. Will ihre mal langsamen, mal ein bisschen schnelleren, mal sogar dreiviertelgetakteten Rockballaden vorsingen, und guckt da in ordentlich sortierte Reihen mit Köpfen. Nachmittags ist die Band angekommen in Berlin, Station acht ihrer Europatournee, aber mit einem Sitzkonzert in einer ein bisschen in die Jahre gekommenen Sixties-Location hatten sie nicht gerechnet. Alles ein großes Missverständnis oder ein kleineres, das auch.

Trotzdem: spielen. Einfach losspielen. Sie sind zu fünft: Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug – und diese Stimme. Man hört den Bass, man hört das Schlagzeug, man hört immer wieder mal die Gitarristen ihr Backingvocalzeug ins Mikro drücken, aber man hört nicht: diese Stimme. Oder kaum. Aimee Mann singt „Driving Sideways“, sie singt den ersten Song ihrer neuen, absolut autonom produzierten CD „Lost in Space“, sie singt „Superball“ und „Amateur“ von der wunderbaren, allerschönsten „I’m With Stupid“, und wir hören sie kaum. Rockteig, um sie herum geknetet. Vielleicht ein Mischproblem, aber hatte der Soundcheck am Nachmittag nicht besonders lange gedauert? Oder schwindet die Stimme einfach so, vor allem in den entschwindend schwindelnden Höhen?

Ach Aimee, du bist jetzt 42 und endlich frei. Hunderttausendmal hast du deinen Triumph in die Mikros dieser Welt gesagt, dass du die dummen Studios los bist, die immer einen Hit, eine Single, eine Hitsingle von dir haben wollten, und dann hast du für hunderttausend Dollar deine schon zur Studio-Geisel genommene Musik einfach zurückerobert und „Bachelor No. 2“ selber hundertfünfzigtausendmal verkauft, über dein Superego-Label und übers Netz. Du bist 42 und frei und verlierst deine Stimme. Du kriegst die Höhen nicht mehr, wo doch dein Schmerz sitzt, bist buchstäblich nicht mehr auf der Höhe deiner Lieder. Du singst deine unvergleichlichen Sachen von den einsamen, anspruchsvollen, aufmerksamen Menschen und singst sie vor den einsamen, anspruchsvollen, aufmerksamen Menschen, und sie hören dich nicht.

Und als die Leute, die sich in den blassgelben, engen Sitzreihen vorsichtig schwingend zu bewegen angefangen und mit diesem Schwingen bald schon fast wieder aufgehört haben, erzählt Aimee Mann eine kleine Geschichte. Als sie 19 war in Boston, hatte sie was mit einem aus Berlin. Und dann machte er Zicken. Bist du verheiratet?, fragte sie ihn. Das ist nicht das Problem, hat er geantwortet, das Problem ist noch ’ne Freundin, „my girlfriend“. Klar, dass Aimee Mann da mit Berlin erstmal ziemlich fertig war, bevor Berlin überhaupt angefangen hatte.

Überhaupt kann sie lustig sein; mit so einem kühlen Humor, den man nehmen können muss, über die Bande. In ihrem Newsletter vor der Europa-Tour fragt sie sich rhetorisch, ob es angesichts des „Säbelrasselns“ und des „Hurrapatriotismus“ jetzt angeraten sei, nach Europa zu fahren. Tja, die Flüge seien eben gerade „saubillig“, und warum nicht Mamas Rezept beherzigen: „Wenn das Leben dir Limonen gibt, mach Limonade.“

Aber wollen wir das wissen? Sehr am Rande. Wir wollen sie singen hören. Und wenn die Instrumente Ruhe geben und die beiden immer wieder arg präsenten Vokalabtöner, wenn nur diese Frau ist und ihre riesige akustische Gitarre, dann ist auch ihre Stimme wieder da. Für ein paar Takte sind wir angekommen in diesem vertrackt-versponnenen Klang-Universum, das manche Leute an die mittleren Beatles erinnert, und glücklich.

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