Kultur : Die Traurige

Mein Olympia-Tagebuch (1): Athen 2004 – ab durch die Mitte! / Von Petros Markaris

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Es ist geschafft. Es ist vollbracht. Seit dem 2. August ist hier alles fertig, sogar die nach diversen BauPleiten besonders problematische „Marathon-Straße“ zum Olympiastadion. Über den Olympia-Komplex ragt das Dach von Calatrava, über Athen wacht ein Zeppelin – es ist die Stunde des Triumphs. „Und die Letzten werden die Ersten sein“, steht in der Bibel, und so empfinden es auch wir Griechen. Spätestens seit der Fußball-Europameisterschaft.

Wenn Olympische Spiele den Wettkampf schlechthin bedeuten, so war bereits deren Organisation für Griechenland ein einziger Wettkampf. Vier Jahre lang haben wir gegen die Zweifel und die Arroganz der „Fremden“ in aller Welt ankämpfen müssen, haben ganze Serien von Demütigungen eingesteckt, aber siehe, am elften Tage vor der Eröffnungsfeier war sogar die „olympische Spur“ fertig. Das ist die linke Überholspur, die im Athener Straßenverkehr nun ausschließlich für Olympia-Fahrzeuge reserviert ist.

Also ist man inzwischen auch dabei, die Geduld beziehungsweise den notorischen Disziplinmangel der Athener Autofahrer zu testen. Links fährt jetzt ungebremst Olympia, die rechte Spur ist dem öffentlichen Verkehrsmittel vorbehalten, für Privatwagen und Taxis bleibt da nur noch die massierte Mitte übrig. Ob diese quasi Pferdestärken-feindliche Rosskur uns Athener dazu bringen wird, die Privatwagen zu Hause zu lassen? Die Hoffnung ist gering. Denn der Grieche trägt sein Auto wie die Schildkröte ihren Panzer.

An öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt es ja nicht, theoretisch. Sogar die Athener Straßenbahn ist wieder da! Vor 45 Jahren haben wir sie im Wirbel der Modernisierung abgeschafft, jetzt wird sie, im Wirbel einer neuen Modernisierung, wieder eingesetzt, und auf den Straßen verkehren brandneue Busse, sogar mit Klimaanlage. Vor allem aber unsere Metro kann sich sehen lassen. Die neuen Stationen wurden von bekannten griechischen Malern und Bildhauern entworfen und suchen an dekorativer Ästhetik ihresgleichen, selbst zum neuen, 30 Kilometer entfernten Flughafen fährt man plötzlich binnen einer halben Stunde – schau an: Diese Stadt bekommt eine Infrastruktur! Mit dreißig Jahren Verspätung.

Eigentlich war der Wettkampf um diese Olympischen Spiele gar kein wirklicher Wettkampf. Sondern eine Art Wette. Dass wir Griechen nämlich alles daran und darauf setzen würden, rechtzeitig fertig zu werden, war (mindestens uns selbst) ja von Anfang an klar. Und zwar koste es, was es wolle. Das Gesamtbudget der Olympischen Spiele betrug erst 2,5 Milliarden Euro, jetzt sind wir offiziell bei 6,4 Milliarden. Inoffiziell redet man bereits von neun Milliarden Euro. Na und? Hauptsache, wir haben es geschafft. Hauptsache, wir sind fertig geworden. Möge es gekostet haben, was es wolle. Möge dereinst nachkommen, was da will.

Die Rechnung? Das andere Wort für die Rechnung oder Quittung im Griechischen ist übrigens „die Traurige“. Nach einem fröhlichen Essen rufen die Griechen dem Kellner zu: „Herr Ober, jetzt bringen Sie mal die Traurige!“

Nun, vorerst wollen wir uns erst einmal an dieser olympischen Tafel niederlassen und uns die Mahlzeit durch nichts versauen lassen. Die Traurige kann warten.

Petros Markaris, geboren 1937, ist Verfasser von Theaterstücken und populären Fernsehserien, er ist Co-Autor des Filmemachers Theo Angelopoulos, außerdem hat er Stücke Brechts, Dorsts und Bernhards sowie Goethes „Faust“ ins Griechische übersetzt. Auf Deutsch wurden seine drei Krimis um den knurrigen Athener Kommissar Kostas Charitos zu Bestsellern, zuletzt „Live!“ (alle bei Diogenes). Für den Tagesspiegel schreibt Markaris während der Olympischen Spiele dreimal wöchentlich sein „Athener Tagebuch“.

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