Kultur : Die Treppe, die die Welt bedeutet

Hochkultur für alle: die neue Ausgabe der Nachwuchs-Konzertreihe young.euro.classics

Carsten Niemann

Genau so muss das sein: Kaum hat man den Gendarmenmarkt betreten, zieht die gut gelaunte Menschenmenge auf der Freitreppe des Konzerthauses alle Aufmerksamkeit auf sich. Viele junge Leute (das fällt sofort auf), routinierte und weniger routinierte Konzertgänger, durchsetzt mit einem erklecklichen Anteil an prominenten Charakterköpfen aus Politik, Medien und Kultur. Was ist los? Natürlich: Das europäische Jugendorchesterfestival young.euro.classic hat begonnen. Die Freitreppe aber, die bei gewöhnlichen Konzerten verwaist ist, und auf deren Stufen man sich genauso selbstverständlich in schwatzenden Gruppen niederlassen kann, wie im weißen Smoking dem Tempeleingang zuzufliegen – sie ist das schönste Symbol der in ihr viertes Jahr gehenden Veranstaltung geworden. Ein Symbol zuallererst dafür, wie man mit einer guten Idee die so genannte Hochkultur punktgenau in der Mitte der Gesellschaft platziert. Wobei die beiden anderen Tragpfeiler im populären Konzept (Eintrittskarten auf Kinopreisniveau und Kompositionsaufträge für die mit jedem regulären Konzert verbundenen Uraufführungen) auch Fördergeld kosten. Doch wozu sonst Kultur unterstützen, wenn nicht für solch gute Zukunftslaune? Den von den Veranstaltern mit Dank überschütteten „Hauptsponsor“ BMW (als Nachfolger der Europäischen Union nun wichtigster Motor für eine langjährige Fortsetzung des Festivals), dürfen die Partner auf dem Fördermarkt jedenfalls ruhig um den schmückenden Titel beneiden.

Wie dankbare Eröffnungsworte regierender Bürgermeister klingen, weiß man: knappe Variationen zum auf der Hand liegenden Thema „Musik als Sprache der Völkerverständigung“, aber kunstvoll bereichert mit den süßen Tönen: „Unsere Unterstützung haben Sie“. Wie es dagegen klänge, „wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“, das wussten nur der Komponist Arvo Pärt, die international besetzte Young Janacek Philharmonie und ihr Leiter Jan Latham-Koenig zu sagen: Die Artikulation präzise wie ein haltbarer Koalitionsvertrag und in der Intonation noch sauberer als ein geregelter Kat.

Latham-Koenig, der letztes Jahr zum ersten Mal mit dem von ihm gegründeten Ensemble auftrat, war der erste in einer Riege von international bedeutenden Dirigenten und Solisten, die als Partner der jungen Musiker fungieren. Sie ist dieses Jahr besonders beeindruckend ausgefallen: Künstler wie Cyprien Catsaris, Kurt Masur, Ingo Metzmacher oder Hakan Hardenberger werden ihm bis zum Festivalende am 24. August folgen. Deutlich waren die Stärken von Latham-Keonigs Künstlerpersönlichkeit auszumachen: In César Francks großer d-moll Symphonie ließ sich beobachten, wie er gerade die zahlreichen Themen und Motivbausteine, die nicht für sich alleine bestehen können (oder gar zitiert wirken wie die wiederkehrende Tristan-Harmonik des Anfangs), mit viel Sinn für Farbe und Linie in einen unsentimental leidenschaftlichen Zusammenhang zu zwingen wusste.

Problematischer wurde es an diesem ersten Abend allerdings dort, wo der schwarze Hintergrund der europäischen Vision, die Erinnerung an einen von Krieg und Gewalt zerstörten Kontinent in der Musik manifest werden sollte. Bohuslav Martinus „Lidice“ stand auf dem Programm, ein Orchesterstück, das an eines der von den Nationalsozialisten 1942 begangenen Massaker erinnert. Doch in dem Stück mit dem irritierenden Erlösungsschluss wirkte die europäische Katastrophe entrückt: die Sekunden der Hörner wie Dissonanzen, nicht wie Anklagen, die Melodien der Geigen allenfalls illustrierend wie Filmmusik. Doch das ist bei aller Leichtigkeit auch der Anspruch eines europäischen Jugendorchesterfestivals mit Musik des 20.Jahrhunderts: sich gegenseitig so eindringlich wie möglich vom Schicksal der eigenen Großväter zu erzählen.

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