Kultur : Die Trockentrinker

Platons „Gastmahl“ am Berliner Maxim Gorki Theater

Peter Laudenbach

Nicht die Welt, nur die Ideen von der Welt, nicht die Menschen, nur ihre Abbilder sind wahrnehmbar: Platon, der Schutzheilige des Theaters? Sein Höhlengleichnis als unumstößliche Schauspiel-Theorie? Stephan Müller, einst Volker Hesses Co-Intendant am Zürcher Neumarkt, widmet sich am Maxim Gorki Theater Platons „Symposion“. Der Dialog, ins Deutsche mit „Das Gastmahl“ übersetzt, wird immer wieder mal für die Bühne adaptiert, zuletzt vor sieben Jahre an der Schaubühne. Vielleicht lädt er ja dazu ein, weil er nicht nur theoretische Vorlagen liefert, sondern von Geist und Fleisch, von Alkoholgenuss und erotischen Strategien handelt, genuin theaternahen Themen also.

Doch leider beruhen solche Adaptionen häufig nur auf einem simplen Missverständnis - wenn Platons Reflektionsform, der philosophische Dialog, mit den Dialogen des Theaters verwechselt und der Gedankenaustauch über die Komplikationen des Eros effektselig mit Orgienklischees bebildert wird: Platon im Eros-Center, das Gastmahl als Suffbude.

Stephan Müllers Inszenierung stolpert sicher nicht in diese Falle, sondern lässt trocken-ironisch Platons Gedanken spazieren gehen: Ein Denkexperiment mit theatralischen Mitteln, eine mit Witz geführte Untersuchung zu einer nicht ganz unwichtigen Frage. „Was ist Eros?“ Der Spielort in der Oderberger Straße am Prenzlauer Berg ist ungewöhnlich und von einigem Charme – ein verfallendes Stadtbad mit abblätterndem Putz, in den Stein gehauene Ornamente an den gotisierenden Säulen, Gründerzeit-Wucht, historische Patina und die Melancholie eines aus der Zeit gefallenen Ortes (Bühne: Bernhard Siegl). Die Zuschauer sitzen im leeren Schwimmbecken und blicken zu den Schauspielern, fünf Herren in zeitlos hässlichen Anzügen, und einem Rockgitarristen empor. Wie gemütliche Saunagänger hocken diese Besucher aus der Antike auf Plastikbänken und entwickeln mit unangestrengter Geistesklarheit ihre Thesen. Zuvor aber umrunden sie, kleine Lockerungsübung, mit spitzen Tänzelschritten am Beckenrand, Spielfläche und Zuschauerreihen – womit zumindest klar ist, dass wir nicht im geisteswissenschaftlichen Seminar gelandet sind.

Die Sitzung beginnt wie alle guten Premierenfeiern: mit dem Versprechen, diesmal bestimmt nicht total abstürzen zu wollen. „Kein Trinkzwang heute“, versichert man einander unter beifälligem Gemurmel. Alexander Lang, der bedeutende Theaterregisseur, scheint überragend. Er spielt den Sokrates, wie er früher Theater inszeniert hat: mit Lust an der trockenen Ironie und der gestischen Deutlichkeit, klar, prägnant und mit sehr lakonischer Komik. Lang zeigt Sokrates als großen, spöttischen Frager, der mit mokantem Lächeln alle Gewissheiten zerbrechen lässt, um am Ende mit Genuss zu gestehen, dass er nichts weiß und über den Eros erst recht nichts. Aber das auf die klügste Weise, die sich denken lässt.

Das Gorki- „Gastmahl“ ist keine auftrumpfende, auch nicht unbedingt eine beschwingt mitreißende Inszenierung, aber ein schönes, schlankes Gedankenspiel, das leider an zu vielen Stellen in penetrantes Kabarett umkippt.

Wieder am 6., 7. und 9. November

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