Kultur : Die Trümmerwüste lebt

Das Deutsche Historische Museum feiert Henry Ries, den Fotografen der Luftbrücke

Christian Schröder

Trümmer, so weit das Auge reicht. Der Krieg hat die Stadt in ihre Einzelteile zerlegt. Ein Stillleben aus Steinen, Holz und Eisen. Aus dem Geröll ragen die Skelette von Häusern auf, denen Fenster, Dächer, Wände fehlen. Die Straßen sind schon wieder freigeräumt, aber noch sind keine Autos unterwegs. Die Davongekommenen – Frauen mit Kopftüchern, dünne alte Männer in zu großen Anzügen, Kinder – laufen durch die Schuttlandschaften, als seien es Kulissen eines surrealen Films. Wer im Berlin des Jahres 2008 lebt, kann sich nicht vorstellen, wie die Stadt im Sommer 1945 aussah.

„Wir flogen über Berlin und ich sah die Trümmerwüste. Es sah aus wie das Weltende. Trümmer, Trümmer, Trümmer, Berlin lag in Asche“, schrieb Billy Wilder, der damals als amerikanischer Filmoffizier in die Stadt zurückkehrte. Die Westalliierten hatten mehr als 65 000 Tonnen Sprengmaterial über der Stadt abgeworfen, im Endkampf der letzten beiden Kriegswochen waren 40 000 Tonnen von der Roten Armee verfeuert worden. Auf jeden Bewohner entfielen im Schnitt 30 Kubikmeter Trümmermasse.

Kurz vor Billy Wilder trifft Henry Ries in Berlin ein. Auch er hat als Jude aus Deutschland fliehen müssen, auch er trägt jetzt eine amerikanische Uniform. Er arbeitet als Fotograf für die Army, sein erstes Foto macht er noch am Tag seiner Ankunft. Es zeigt Soldaten, die beim Fahnenappell vor dem US-Hauptquartier in Zehlendorf ein gigantisches Stars-andStripes-Banner einholen. Es ist ein sehr patriotisches Bild.

Ries, der 1917 in Charlottenburg geboren worden war und Teile seiner Familie in Auschwitz verlor, erlebt die Wiederbegegnung mit seiner Heimatstadt mit gemischten Gefühlen. Später notiert er: „In dem Moment, als ein einarmiger Mann – er konnte 35 oder 53 Jahre alt sein – mit seinem klapprigen, dreirädrigen, mit alten Klamotten gefüllten Karren genau vor mir auf der Straße gebeugt stehen blieb, schoss mir die quälende Frage durch den Kopf: Wer ist er? Wer bin ich? War er ein Nazi gewesen?“

Im Deutschen Historischen Museum, das den Nachlass des 2004 gestorbenen Fotografen erworben hat, sind jetzt 300 seiner Bilder zu sehen. Ries gilt als Fotograf der Luftbrücke, die Ausstellung „Brennpunkt Berlin. Die Blockade 1948/49. Der Fotojournalist Henry Ries“ erinnert an den 60. Jahrestag dieser heroischen Tage des alten West-Berlin. Ries’ Luftbrückenfotos wurden in der „New York Times“ veröffentlich und noch vor dem Ende der Blockade im Berliner Titania-Palast und in der New Yorker Public Library ausgestellt. Es sind Dokumente der beginnenden deutsch-amerikanischen Freundschaft. Das bekannteste dieser Fotos, auf dem ein „Rosinenbomber“ (eine viermotorige C-54-Skymaster-Maschine) hinter einem Schuttberg voller jubelnder Berliner Kinder zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzt, schaffte es in die Geschichtsbücher und auf Briefmarken.

Hauptgegenstand dieser Bilder sind die amerikanischen Flugzeuge, die Ries gerne aus leichter Untersicht mit monumental aufragenden Propellern zeigt. Aus ihnen werden Kisten mit Lebensmitteln entladen, sie parken dicht gedrängt neben dem Rollfeld. In einer ästhetisch reizvollen Langzeitbelichtung ziehen die Scheinwerfer der an- und abfahrenden Lkws Lichtfäden durch die Tempelhofer Nacht. General Lucius D. Clark, der amerikanische Militärgouverneur, raucht eine Zigarette in seinem Büro. Deutsche Arbeiter löffeln beim Bau des Flughafens Tegel Suppe. In einem Senatslager werden Mehlsäcke bis zur Decke gestapelt.

Noch interessanter sind die Fotos, die Ries abseits des großen Dramas gemacht hat. Sie zeigen den Alltag in einer Stadt, die sich nach ihrem Beinahe-Untergang schnell in einem neuen Provisorium einrichtete. Überall herrscht Mangel, aber es gibt auch Momente von Entspannung und Euphorie. Eine alte Frau sammelt Brennholz auf dem Friedhof. An der Siegessäule zieht ein Bauer mit Pferdegespann Ackerfurchen. Mannequins posieren auf den zerschossenen Reichstagstreppen für eine Filmkamera. Das Stadtschloss steht noch, vor seiner Fassade wirbeln Kinder auf einem Kettenkarussell durch die Luft.

Ries ist mit seiner Kamera dabei, als sich im September 1948 bei einer Protestkundgebung 200 000 Zuhörer am Reichstag versammeln und Ernst Reuter ruft: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt.“ Der Mensch als Masse, ein Wimmelbild. Er porträtiert aber auch die Markthändler auf dem Wittenbergplatz. „Was man 1947 dort kaufen konnte, lag sorgfältig ausgebreitet auf Klapptischen: Knöpfe aller Art, Kämme, Tabakspfeifen, runzelige Karotten. Alles, was auf, hinter und unter den Tischen lag, sah kläglich aus. Aber niemand klagte“, erinnerte er sich in seiner Autobiografie „Ich war ein Berliner“. Nach dem Ende der Blockade ging Ries als Fotoreporter nach Paris, 1953 eröffnete er in New York ein Werbestudio. Auf seinen Bildern lässt sich ein ganzes Zeitalter besichtigen.

Deutsches Historisches Museum, bis 21. September, täglich 10–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben