Kultur : Die Tür ins Offene

Große Unterhaltung: René Polleschs „Strepitolino“ am Volksbühnen-Prater

Jan Oberländer

Die vielen Bildschirme auf der Prater- Bühne zeigen: die Prater-Bühne. Die Prater-Bühne im Pappmodell, Bert Neumanns Kulisse, eine Mittelstandsfassade aus Klinker, Rauputz und Terrassenfensterglas. Willkommen in René Polleschs „Strepitolino – I giovanotti disgraziati“. Es wird live übertragen, wie die Schauspieler im Modell herumfummeln, an einer Szene puzzeln: Durch welche Tür soll man gehen? Was sagt das Skript?

Irgendwann kommen die drei dann hinter der Wand hervor. Und spielen Theater. Martin Wuttke, „Dramatik- Dean“ mit pastellfarbenem Blazer und Pornobrille, dirigiert Birgit Minichmayr und Anne Ratte-Polle, zwei auftoupierte Wohlstandsschicksen. Wuttke sagt den Satz, der die verschiedenen Ebenen ineinander blendet: „Geh auf Deine Markierung!“

Natürlich sind die Rollenzuschreibungen nicht stabil, man ist schließlich in Polleschs Dekonstruktionstheater. In „Strepitolino“ gibt es einmal mehr eine Großportion Meta mit Grundsatzmotze gegen das bürgerliche Theatersubjekt, und im gleichen Abwasch auch die Kritik an der Macht, den herrschenden Ausschlussverfahren, der „unmarkierten Mittelstandskonstruktion“: männlich, weiß, hetero.

Das sind eben so Polleschs Themen. Und so ist „Strepitolino“ zwar inhaltlich keine Überraschung, trotzdem gelingt der Abend und unterhält grandios. Die Diven sind heiser, hysterisch und sexy, Wuttke ist nur hysterisch, aber herrlich anstrengend. Einmal, mitten im wildesten Herumgerenne, stolpert er hinter der Kulissenecke hervor, sagt einen dieser Pollesch-Sätze – „Es ist schon komisch mit der Verachtung“ – und ist für einen kurzen Moment keine Sprechmaschine, sondern hat eine so ernste und tragische Präsenz, dass er alle Energie auf sich konzentriert. Und sofort weitertorkelt.

Auch auf den Bildschirmen wird ganz kurz der Gefühlsknopf gedrückt, bevor dieselbe Hand wieder den Mittelfinger zeigt. Auf der Riesenleinwand am rechten Bühnenrand ist Ute Schalls Kamera hautnah dabei, wie die drei Diskursopfer gemeinsam vor dem Spiegel sitzen. Aus den Lautsprechern suppt Geigengewimmer, großes Kitschkino, das hält. Es kippt erst, als die Schimpfworte kommen, sanft geflüstert: Arschloch, Pottsau, später die Frage nach dem Hirntumor. Erst dann ist Hollywood beim Teufel. Aber nur so soll es schließlich sein: „Ich will, dass unlesbar bleibt, was wir miteinander gemacht haben.“

Die Markierungen bleiben ein „Gefängnis“. Sogar wenn man es schaffte, auszubrechen, wo sollte man dann hin? „Die Tür ins Offene bleibt uns für immer verschlossen“, zwinkert Ratte-Polle in die Kamera und grinst. Diese Ironie ist ganz schön ernst: Man muss eben drinnen warten. Fragt sich nur, vor welcher Tür. Am Ende wird noch einmal das Modell der Prater-Bühne auf die große Leinwand gespielt, einen Schnitt später sind es Ausschnitte aus Heinrich Breloers Doku- Drama „Speer und Er“. Ein Schwenk, und man ist bei Tobias Moretti als Hitler, ein springender Schäferhund wird dazwischenmontiert, dann wieder wieder Moretti, diesmal in seiner Rolle als „Kommissar Rex“ Ritchie Moser. Identitäten sind Konstruktionen, ob Adolf oder Ritchie. Und natürlich ist ein Regisseur immer auch Konstrukteur, im schlimmsten Fall Theaterdiktator. In einem viel besseren Fall ist er ein Destrukteur, wie Pollesch.

Wieder am 17., 22. und 25. Februar.

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