Kultur : Die Turbo-Kapitalisten

Daniel Völzke

Grimmig schaut er an der Kamera vorbei, auf seinem Schoß ruht eine automatische Handfeuerwaffe. Man weiß ja nie, wer als nächstes durch die Tür kommt. Und tatsächlich: Der Rapper Notorious B.I.G. wurde wie einige andere HipHop-Größen erschossen – Opfer der sich aufschaukelnden Rivalität zwischen dem Ostküsten-Clan um Puff Daddy und den Gangsta-Rappern um Tupac Shakur.

Die Selbstinszenierung der Rapper hat oft einen authentischen Kern. Erst singen sie, dass sie die Größten sind und aus dem Ghetto rauskommen wollen, dann sind sie die Größten, weil sie es geschafft haben. Doch der Ruhm schützt nicht vor der Gewalt der Straße, von der HipHop so oft handelt. Er macht die Opfer nur unsterblich.

HipHop Immortals, Unsterbliche des HipHop, heißt denn auch eine Ausstellung, die über hundert Fotos von lebenden und toten HipHop-Legenden zeigt. Die Bilder erzählen eine kleine Kulturgeschichte des Raps – von den Anfängen in den Achtzigerjahren, als Run DMC mit „Walk This Way“ ihren ersten Hit hatten, bis zur medialen Allgegenwart von Stars wie Eminem und Busta Rhymes. Die Ausstellung der Londoner Proud-Galerie (Sponsor: Motorola) hat signierte Abzüge von Popfotografen wie Jim Fiscus, Nitin Vadukul oder Phil Knott zusammengetragen. Sie zeigen, wie sich das Geschäft mit der HipHop-Kultur professionalisiert: Während Pioniere wie Grandmaster Flash noch in Lifesituationen fotografiert wurden oder die Beastie Boys in einem kargen Studio Unsinn trieben, werden die Stars von heute für Magazine und Album-Cover in aufwendigen Pop-Kulissen abgelichtet. Ob The Roots bei einem dekadenten Abendmahl oder Outkast thronend in quasi-barockem Interieur – das hier ausgestellte Material reicht für eine komplette Ikonografie des HipHop, diesem Turbo-Kapitalismus, in dem Frauen, Sportwagen, Dollarnoten, Uhren und Halsketten als Statussymbole vorgeführt werden. Man kennt dieses Geprotze aus Musikvideos, aber im unbewegten Bild wirkt der Überbietungsgestus besonders des Gangster-Raps noch sturer, noch einfallsloser – einfach trostlos. Allerdings drückt sich darin auch der späte Triumph einer schwarzen Kultur aus, die nicht mehr weiß sein will.

Bis 29.8., Café Moskau (Karl-Marx-Allee 34, Mitte)

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