Kultur : Die Umzieher

Vor dem „Gallery Weekend“ kommt Bewegung in Berlins Galerien

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Drei im Hochhaus. Die Galeristen Markus Lüttgen, Robert Meijer (Lüttgenmeijer) und Micky Schubert sind in den nördlichen Teil des Hansaviertels umgezogen – in ein Gebäude von Egon Eiermann.Foto: David von Becker
Drei im Hochhaus. Die Galeristen Markus Lüttgen, Robert Meijer (Lüttgenmeijer) und Micky Schubert sind in den nördlichen Teil des...

Dunkel ist es im Hansaviertel, zwischen den Bäumen huschen Gestalten. Alle suchen am Abend die Bartningallee, doch selbst wer die Straße gefunden hat, der sieht immer noch keine Galerie Micky Schubert oder Lüttgenmeijer. Man muss das Haus von Egon Eiermann umrunden, die steinerne Rampe ein Stück entlanggehen und jene baulichen Eingriffe ignorieren, die die Post als früherer Mieter der Ladenlokale hinterlassen hat. Dann aber steht man vor den Räumen der Galeristen, deren erstes Mailing von der neuen Adresse alles Mögliche auslöste.

Die Reaktionen hätten von „absoluter Begeisterung bis Unverständnis“ für den Ort gereicht, meint Markus Lüttgen. Was er und Robert Meijer nur bedingt verstehen, denn erstens hat die Suche nach unberührten Quartieren in Berlin schon Tradition. Und zweitens fragt man sich, weshalb die künstlerische Eroberung des Hansaviertels eigentlich erst jetzt stattfindet. Das ist schließlich ein zentraler Ort voller historischer Architektur mit Namen wie Alvar Aalto, Walter Gropius oder Eiermann. Die beiden eher bescheidenen Räume, in denen nun zwei erste Ausstellung mit dem gemeinsamen Titel „Woodman, Woodman, spare that tree“ stattfinden, schildern selbst ein Stück ästhetische Utopie – von einer Moderne, in der progressives Bauen und bürgerliches Wohnen keine Widersprüche sind.

Ein perfekter Landeplatz also für Kunst von Thea Djordjadze oder Manuela Leinhoß, wie sie Micky Schubert vertritt. Denn die Künstler beweisen in ihren skulpturalen Installationen ebenfalls Sensibilität im Umgang mit dem Raum. Einzig Maximilian Zentz Zlomovitz fällt mit seiner großen Installation aus dem Rahmen: Obwohl sie aus einfachsten Materialien aus dem Baumarkt gefertigt ist, denkt man unwillkürlich an Ketten, Fesseln und S/M-Praktiken. Die Abgründe bürgerlicher Normalität?

Nebenan stößt man auf die poetischen Konzeptkünstler von Lüttgenmeijer. Hier blickt Susanne M. Winterling mit drei Fotografien und einer Skulptur auf ihre jüngste institutionelle Ausstellung in Bremen zurück, während Gareth Moore eine collagierte Tüte auf die Fensterbank stellt. Minimale Interventionen, die nicht zuletzt auf die Alltagsgeschichte der Räume anspielen. Und obwohl die beiden Galeristen über ein Dutzend Arbeiten in dem länglichen Raum versammeln, entfaltet sich ihr programmatisches Konzept so spielerisch wie unaufdringlich.

Der Einstand ist gelungen, obgleich die Vorbereitungszeit knapp war. Dass beide Galerien den Umzug innerhalb weniger Wochen bewältigten, liegt auch am nächsten wichtigen Termin, der sich bereits ankündigt: Zwei Wochen noch, dann findet vom 30. April bis zum 2. Mai das sechste „Gallery Weekend“ (www.gallery-weekend-berlin.de) statt. 40 Galerien sind dieses Mal dabei, und viel mehr würde Berlins zentrales Ereignis für die Kunst im Frühjahr kaum verkraften. Längst hat sich allerdings gezeigt, dass auch Galerien davon profitieren, die nicht direkt am Event beteiligt sind. Und so positioniert man sich, bevor die Sammler anreisen. Das dachte auch Eva Bracke. Obwohl sie erst vor einem halben Jahr an die Potsdamer Straße gezogen ist. Aus einem Ladenlokal an der Torstraße in eine Halle im Hinterhof. Glücklich sei sie dort jedoch nicht gewesen. „Man durchläuft ja viele Prozesse, man muss das ausprobieren“, sagt die Galeristin. Der white cube habe sich in ihren Augen überlebt – zumindest in Berlin, „weil es hier nicht endlos Lagerhallen und leere Schlachthöfe gibt wie vor Jahrzehnten in New York“.

Dafür saßen an der Potsdamer Straße die Kunsthändler und Galeristen der zwanziger Jahre in ihren repräsentativen Wohnräumen. Eva Bracke hat sich deshalb, wie ihre Nachbarn Martin Klosterfelde oder Matthias Arndt, für eine Galeriewohnung entschieden. Allerdings lebt sie nebenan, ihre Küche ist Schnittstelle für Wohnen und Arbeit – und die erste Ausstellung am neuen Ort ein von Valeria Schwarz und Peer Golo Willi kuratiertes Projekt über Kunst im öffentlichen Raum. Heute findet die Eröffnung (18 Uhr) statt, eine Woche lang kann man von hier aus die Stadt erkunden. Dann legt Eva Bracke mit einer gemeinsamen Ausstellung all ihrer Künstler nach. Es ist schließlich „Gallery Weekend“.

Micky Schubert u. Lüttgenmeijer, Bartningallee 2–4, Di–Sa 12–18 Uhr.

Eva Bracke, Steinmetzstr. 3, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa 14–18 Uhr.

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