Kultur : Die Unangreifbare

Vernichtungsbilder eines Jahrhunderts: Der Schriftstellerin Ilse Aichinger zum 90. Geburtstag.

Roland Berbig
Ein Leben, auf keinen Nenner zu bringen.
Ein Leben, auf keinen Nenner zu bringen.

1997 notierte Ilse Aichinger Verse mit dem Titel „Fazit“: „Vorvorgestern wird über übermorgen", heißt es da, „Übermorgen vorgestern / Gestern wird Morgen“. Und am Ende: „Die Angst bleibt bei mir.“ Fast scheint es, als sei es gerade Angst, die einer Zeit von Bedrohung und Gefahr widersteht und deren Treue widerständig mache. Der Zwang, sich in Gegebenheiten fügen zu müssen, die man nicht gewählt hat und schon gar nicht gewollt, hat Aichingers Denken und Schreiben in den letzten anderthalb Jahrzehnten geprägt. Dass das Nicht-Sein einen Wert hat, mit dem das Sein nicht konkurrieren kann, war ihr zur Gewissheit geworden. Trotz und Trost sind dabei ein Bündnis eingegangen, aus dem plötzlich, als niemand es mehr vermutete, ein Spätwerk erwuchs.

Ohne Scheu hat es sich der vergänglichen Tagespresse anvertraut, um Unvergängliches hervorzubringen: Erinnerungen aus einem Leben, in dem die Deportation der Großmutter nach Minsk, die Trennung von der Zwillingsschwester und aller Erniedrigungen als jüdischer Mischling in Wien das Jetzt, Heute und Hier sind. „Nicht nur deshalb möchte ich nicht in die Fremde“, schreibt sie 2005, „sondern will in der Fremde bleiben, die mörderisch, aber vertraut ist. In Wien.“

Die einmal mit Gewalt verstellte Lebensuhr, die Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden aus dem Lot gebracht hatte, erwies sich als irreparabel. Aus dieser Erfahrung, die anzunehmen ein langes Schriftstellerdasein erforderte, ist eine einzigartige literarische Welt entstanden. Ihre Wurzeln finden sich in Aichingers unveröffentlichten Tagesaufzeichnungen, deren Beginn mit der nationalsozialistischen Annexion Österreichs 1938 zusammenfallen: ausgeworfene topographische Lebensanker ohne Hoffnung auf Halt.

Von jüdischen Kindern, „Sternkinder“, denen das Totenreich eines Friedhofs zum Lebensort wird, erzählt 1948 der Roman „Die größere Hoffnung“, noch immer ein singuläres Leseerlebnis. Singulär auch alles, was folgte: Erzählungen wie Spiegelgeschichte, Szenen und Hörspiele, endlich auch Lyrik. Gedichte durchziehen Aichingers Schreiben bis in ihr hohes Alter, frei von Ehrgeiz, alles und um jeden Preis zu veröffentlichen. Als sie vor einigen Jahren nach Ruhm und Berühmtheit befragt wurde, weiß sie keine Antwort. Dabei gilt ihr Name. Kaum eine Schriftstellerin, die so unangefochten wie selbstverständlich ihren Platz im Literaturkanon behauptet.

Der letzte Sinn, der in einer schreibenden Existenz liegt, ist das Leben, auf dem sie gründet und auf das sie zurückweist. Der Welt ihrer Werkausgabe steht die ihres schriftlichen ‚Vorlasses’ gegenüber, in Korrespondenz und Kontrast. Dessen Form- und Mischungschaos spiegelt ein Leben, dessen Stärke darin liegt, dass es auf keinen Nenner zu bringen ist. Aichinger hat Erzählungen von mythischem Maß daraus geborgen. Wer sie liest, wird ermuntert, jeder Macht die Gefolgschaft zu kündigen.

Ihr Schreiben dokumentiert die Geschichte ihres Widerstands: erst im Benennen von Tat und Täter, dann in einer Sprache, die jede Inbesitznahme verweigerte („Eliza, Eliza“, 1965, „schlechte wörter“, 1976), schließlich im radikalen Rückzug in einen Dunkelraum, aus dem die Vernichtungsbilder eines Jahrhunderts im Flackern von Film- und Lichtbildern grell aufleuchteten („Film und Verhängnis“, 2001). Die sich in anklagendem Schweigen eingeübt hatte, fand zurück in die Sprache und dabei noch einmal ihre eigene.

Der 2004 elend früh verstorbene Wiener Journalist Richard Reichensperger stand ihr dabei zur Seite – so wie Günter Eich ihr Werk durch die fünfziger und sechziger Jahre begleitet hatte. Verloren war der tief verankerte Glaube an das Heil aus den Kinder- und Jugendjahren, geblieben der gnadenlose Blick auf ein Unheil, das ihr zu einem Signum allen Seins wurde.

Freuden spart das nicht aus, der Lust an scharfem Urteil blieb die an mit ihr verbundenen Menschen, der Literatur wie Kafka und Stifter und des Lebens wie Tochter Mirjam oder ihrer Verlagsfreunde Franz Hammerbacher und Reto Ziegler. Die sich selbst von den Zumutungen des Lebens angegriffen fühlt, hat sich eine Unangreifbarkeit erobert, die ermutigt - und manchmal, so sieht es aus, auch sie selbst. Dazu passt ein Satz von Aichinger, der gelten soll, Tag für Tag, heute, an ihrem 90. Geburtstag, bis zum letzten: „Alles Komische hilft mir und macht mich glücklich.“

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