Kultur : Die unauffällig Auffälligen

Silvia Hallensleben

findet: Die im Dunkeln sieht man doch Wer den Namen Anne-Marie Miéville in die Filmdatenbank imdb.com eingibt, wird mit einer langen Liste von Einträgen belohnt, die bis in die frühen siebziger Jahre zurückreichen. Dennoch ist Miévilles Schaffen bei uns fast nur jenen Fanatikern bekannt, die im Kino geduldig den Abspann absitzen, um jeden Credit cineastisch zu verkosten. Denn die 1945 geborene Welschschweizerin ist und war zwar auch in eigener Regie tätig. Viel früher und öfter aber hat die ehemalige Chansonsängerin und Fotografin sich für Schaffen und Ruhm ihres berühmteren Arbeits- und Lebenspartners nützlich gemacht: Der früheste IMDB-Eintrag verzeichnet sie 1972 als Standfotografin von Jean-Luc Godards „Tout va bien“, es folgen zahlreiche Mitarbeiten unter anderem als Cutterin und Autorin für Godard-Filme wie „Numéro Deux“, „Prénom Carmen“ oder „Détective“.

Ein klassisches Mitkünstlerinnenschicksal. Konsequent nur den drei kurzen und vier langen eigenen Regiearbeiten von Miéville ist deshalb eine Reihe im Arsenal gewidmet – höchst formbewusste, oft mit musikalischer Strenge durchkomponierte Stücke mit dezent autobiografischen Anklängen. Beim Mitmachen hat sie aufmerksam gelernt: Miévilles erste lange Regiearbeit von 1988 (Sonnabend im Arsenal) ist gleich eine Meisterleistung: Mon cher sujet verwebt Ausschnitte dreier Frauenleben einer Familie zu einem ungewöhnlich facettenreichen Einblick in die Lebenskämpfe zwischen Karriere und missglückenden Männergeschichten. Auch wenn dabei scheinbar die junge Sängerin Agnès im Zentrum steht: Miévilles eigentliches Anliegen – und auch ihre besondere Kunst – ist die Bewegung von den Einzelpersonen fort auf die Beziehungsräume, die sich zwischen ihnen erstrecken.

Über das Talent, Unsichtbares sichtbar zu machen, verfügt auch Viktor Kossakowski. Auch er montiert sein Material musikalisch, sein Hauptthema ist ein Bautrupp, der immer die gleiche Stelle wieder aufgräbt. Der Petersburger Dokumentarist hat seine Videokamera einfach aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße gehalten, wo auch Betrunkene vorüberziehen und eine alte Frau Schnee in ihrer Einkaufstasche davonträgt. Das Wundersame kann manchmal sehr gewöhnlich daherkommen. Was so einfach aussieht, ist größte Kunst: Tishe! (deutsch: Psssst!) ist ein Wunderwerk des No-Budget-Filmens und ein grandioses Beispiel dafür, wie man mit dem entsprechenden Können aus fast Nichts einen ganzen Roman entwerfen kann (Freitag und Sonnabend im Potsdamer Filmmuseum).

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