Kultur : Die unbedingte Form

Ieoh Ming Peis eleganter Erweiterungsbau für das Deutsche Historische Museum in Berlin

Bernhard Schulz

Mit Lob ist er schon vorab überschüttet worden, mit der feierlichen Eröffnung am gestrigen Freitag nun wird der Pei-Bau gewissermaßen offiziell unter die Berliner Sehenswürdigkeiten aufgenommen. Der ursprünglich einmal Schauhaus genannte Erweiterungsbau für das nebenan im Zeughaus residierende Deutsche Historische Museum hat nun die Gunst der Stunde für sich, verzögert sich doch die Wiedereröffnung des runderneuerten Zeughauses bis Ende kommenden Jahres.

Ieoh Ming Pei und Berlin, oder genauer: Berlin an dieser empfindlichen Stelle inmitten so vieler kostbarer Baudenkmale, das hat sich aber auch von Anbeginn als eine Glückskonstellation erwiesen. Man musste die Berufung des mittlerweile 86-jährigen amerikanischen Architekten chinesischer Abstammung auf die Berliner Bautradition, mit der er, in der Bescheidenheit und Formvollendung des wahren Meisters auftretend, Berlin für sich einzunehmen wusste, cum grano salis nehmen. Er kopiert nicht Schlüter, verfremdet nicht Schinkel und borgt nicht einmal bei Walter Gropius, bei dem der Eleve in Harvard studieren durfte. Er führt einfach die hiesige große Tradition mit dem aus einem jahrezehntelangen eigenen Werk gespeisten Selbstbewusstsein fort und verschmilzt Elemente unterschiedlichster Zeiten und Kulturen zu einem Ganzen, das eben Pei prägt (zur Eröffnung des Baus vgl. Tagesspiegel vom 1. März 2003). Da gibt es denn auch in Berlin den Kontrast wunderbar bearbeiteter Sandsteinwände und hell aufgerissener Glasvorhänge zu erleben, das Spiel von Treppen und Brückenläufen, das Mondtor und die harten Kanten des auf Dreiecke gestellten Grundrisses. Es gibt, mit einem Wort, Raum zu erfahren, wie er sich entwickelt und in der Bewegung des Menschen dynamisiert. Pei bezieht seine Besucher stets ein, er liefert sie nicht am Kassentresen ab, sondern führt sie unmerklich durch das Gebäude selbst und ebenso den städtischen Raum, den sein Bau im eleganten, souveränen Zusammenspiel mit dem historischen Umfeld bildet.

Museen zählen zu den Lieblingsaufgaben zeitgenössischer Architekten. Sie sind, wie hier in Berlin, vielfach ihr schönstes Objekt und führen solche Selbstbezüglichkeit dann mit einer Ausstellung über vorangehende Museumsbauten des Meisters fort. Die hiesige Ausstellung ist angenehm klein und unprätentiös (bis 22. September, Katalog bei Prestel, 15 €), obgleich doch zwei Marksteine des modernen Museumsbaus vom Zeichentisch des 1917 in Kanton geborenen und 1935 in die USA emigrierten Weltmannes stammen: Der East Wing der National Gallery in Washington (1968-78) sowie der Grand Louvre samt gläserner Pyramide (1983-93).

Es ist dieser unbedingte Anspruch auf Qualität und Zeitgenossenschaft, der nun auch Berlin ein Pei-Denkmal beschert hat.

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