Kultur : Die unbekümmerten Amazonen

BERNHARD SCHULZ

Die herausragende Beteiligung von Künstlerinnen an der russisch-frühsowjetischen Kunst fiel bereits den Zeitgenossen auf. Das war in den Jahren kurz nach der Russischen Revolution. Später dann eroberten sich Suprematismus, Konstruktivismus und Objektgestaltung die ganze Aufmerksamkeit. Die Namen der Künstlerinnen gerieten in den Hintergrund.

Das hat die legendäre Kölner Galerie Gmurzynska schon vor 20 Jahren dazu veranlaßt, die "Künstlerinnen der russischen Avantgarde" vorzustellen. Nun folgt die Berliner Guggenheim-Dependance mit "Amazonen der Avantgarde" auf Grundlage des seither angewachsenen Wissenstandes - und nicht zuletzt der Ausleihmöglichkeiten in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, so daß sich unter den 70 gezeigten Werken solche aus westlichen Sammlungen mit solchen aus abgelegenen russischen Provinzmuseen mischen. Daß die Ausstellung von Berlin aus nach London, Venedig und New York wandern wird, dokumentiert den Rang ihrer Auswahl und gewiß den des überaus anspruchsvollen Katalogs.

Die "Amazonen" - ein befreundeter Dichter hatte die Künstlerinnen als "echte Amazonen, skythische Reiterinnen" besungen - haben eine allein ihnen gewidmete Ausstellung allemal verdient. Und zwar deshalb, weil der Blick ausschließlich auf die weiblichen Künstler die Augen dafür öffnet, wie der stürmische Gang der Kunstentwicklung im Rußland des Jahrhundertanfangs tatsächlich verlief und welchen genuinen und unverwechselbaren Anteil die Protagonistinnen daran haben.

Sechs Künstlerinnen: Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa und Nadeschda Udalzowa. Das sind Namen, die spätestens nach dieser Ausstellung in das hierzulande geläufige Lexikon der russischen Kunst neben diejenigen von Kandinsky, Malewitsch, Lissitzky eingerückt zu werden verdienen. Aber es sind nicht bloße Ergänzungen, Erweiterungen, deren es viele gibt; sondern es ist ein eigenständiger Ton, der aus dieser Ausstellung dringt.

Einen ersten Hinweis geben die Entstehungsdaten der Werke. Sie liegen nahezu ausschließlich innerhalb des zweiten Dezenniums dieses Jahrhunderts, und wiederum ist der größere Teil auf die Jahre zwischen 1910 und 1915 beschränkt. Ein halbes Jahrzehnt! Was in den angenehm überschaubaren Räumen Guggenheims gezeigt wird, versammelt den künstlerischen Ertrag nicht einer Epoche, sondern eines Augenblicks. Da waren sie alle sechs jung, mitten im Aufbruch; die Geburtsjahrgänge lagen mit einer Ausnahme in den achtziger Jahren. Zwei Künstlerinnen sterben früh, aber die übrigen vier lebten lange, teils bis Anfang der sechziger Jahre. Aus den im Katalog abgedruckten Biografien ist das allmähliche Zurücktreten abzulesen - auch bei den emigrierten Exter und Gontscharowa. Wir haben es mit einem künstlerischen Aufbruch ohnegleichen zu tun, der aber nicht zu verstetigen war wie bei den männlichen Kollegen.

In diesem stürmischen Jahrzehnt aber - und dies ist der zweite Aspekt - erschufen die sechs eine umfassende küstlerische Welt. Nirgendwo hat der Betrachter den Eindruck einer Fehlstelle. Es wäre unmöglich - und da ist dem Hauptkurator, dem renommierten Rußland-Forscher John E. Bowlt, nur zuzustimmen - die gleichzeitigen Aufbruchsbewegungen des Westens wie Kubismus, Futurismus oder Expressionismus gleichermaßen überzeugend aus den Werken ihrer weiblichen Teilnehmer darzustellen. Dabei ist die russische Avantgarde stilistisch weitaus vielstimmiger. Sie durchläuft gewissermaßen alle Errungenschaften der westlichen Avantgarde. Dann aber schafft sie einerseits eine Synthese wie den "Kubofuturismus", um dem Westen zunächst mit an der Volkskunst orientiertem Primitivismus und alsbald mit völliger Gegenstandslosigkeit entgegenzutreten. Das nun aber ist nicht im Sinne einer linearen Chronologie zu verstehen.

Faszinierend sind die Brüche und Gleichzeitigkeiten in den Lebenswerken der Sechs. So präsentiert sie auch die Ausstellung (vorzüglich gehängt und technisch makellos). So steht bei der Gontscharowa ein kubofuturistisches "Flugzeug über einem Zug" neben einer gegenstandslosen "Komposition" aus demselben Jahr 1913. Ljubow Popowa malt die von einem Liniengeflecht durchzogenen "Reisenden" und greift im selben Jahr 1915 mit dem "Krug auf einem Tisch" in die dritte Dimension hinaus; sie nennt es ein "plastisches Gemälde". Olga Rosanowa malt 1913 eine großartige futuristische "Stadt", 1916 ein Gemälde "Suprematismus" (das auffälligste dieser Richtung in der Ausstellung) und 1917 einen die Farbfeldmalerei vorwegnehmenden "Grünen Streifen".

Und schließlich: Kam da nicht eine Revolution? Gewiß, in dieser Hinsicht ist die Ausstellung unvollständig; aber sie spiegelt die Entwicklung richtig wider, indem sie deutlich macht, daß die künstlerische Revolution der politischen vorausgeht. Ljubow Popowa schreibt noch 1921: "Deshalb ist die Revolution und der Aufbau der neuen Weltanschauung in erster Linie vom Künstler verwirklicht worden." Erstaunlich! Dann aber widmen sich die Künstlerinnen den neuen Aufgaben, sowohl in Organisation und Lehre als auch im Verlassen der - in Berlin allein repräsentierten - Malerei zugunsten von Design und nachrevolutionärem Alltag. Man könnte sagen, daß die Revolution eine künstlerische in eine politische Energie verwandelt habe - bis auch diese im aufkomenden Stalinismus vernichtet wurde.

Unter den Linden 13-16, bis 17. Oktober.

11-20 Uhr, Montag Eintritt frei. Führung täglich 18 Uhr. Katalog 352 S., brosch. 59 DM. Buchausgabe im Hatje Cantz Verlag, 98 DM.

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