Kultur : Die Unbestechlichen

Peter Schneider sieht Vorzeichen einer italienischen Zeitenwende

Italien, das zunehmend die Aktien- und Devisenmärkte irritiert, durchläuft dieser Tage einen politischen Prozess, für den die Rating-Agenturen und Börsenspekulanten kein Auge haben. Eigentlich sind es nur Kommunalwahlen: Zwölf Millionen Italiener stimmten über ihre Bürgermeister und Verwaltungen ab. Da Regierungschef Silvio Berlusconi die Wahlen aber zu einem Votum über seine Person erklärt hat, wurde ein hochpolitischer Vorgang daraus. Wie immer, wenn Berlusconi unter Druck ist, folgt er dem Prinzip: Gib nie etwas zu, sage nie die Wahrheit, unterstelle dem Gegner jede Gemeinheit, die du selber begehst, und stelle dich selber stets als Opfer dar.

Den Oppositionskandidaten für das Bürgermeisteramt in Mailand, Giuliano Pisapia, ordnete er den „Linksextremisten“ zu, die sich „nicht waschen“ würden. Mailand würde zur Hauptstadt von Zigeunern, Schwulen und Illegalen, assistierte sein Partner Umberto Bossi. Und Mailands Bürgermeisterin Letitia Moratti verleumdete ihren Gegner Pisapia mit der Lüge, er habe vor 40 Jahren einen Lieferwagen für die Terrororganisation Brigate Rosse gestohlen. Doch diese Mittel scheinen nicht mehr zu funktionieren. Die großen Städte Norditaliens, vor allem Berlusconis langjährige Hochburg Mailand, gingen glamourös verloren, Neapel ebenso. Pisapia gewann in der gestrigen Stichwahl mit 55 Prozent, der neapolitanische Mitte-Links-Kandidat sogar mit 65 Prozent. Schon wird gemunkelt, etwas, das wohl nur in Italien „der Zauber Berlusconis“ heißt, ziehe nicht mehr.

Dabei war Berlusconi mit Hilfe der zu 80 Prozent von ihm kontrollierten Medien noch einmal zum Großangriff übergegangen. Gleich fünfmal erschien der Regierungschef am selben Abend im italienischen Fernsehen: Um 18.30 Uhr in seinem Sender Italia Uno, um 19 Uhr in seinem Sender Rete Quatro, um 20 Uhr bei der öffentlich-rechtlichen Rai 1 und in seinem Sender Canale 5 und zuvor um 19.30 Uhr in Rai 2. Er hatte das Dreifache der Sendezeit, die allen anderen Parteiführern zusammen zur Verfügung stand. Die Programmaufsicht Agcom verhängte hohe Geldstrafen, aber darüber lacht der Milliardär Berlusconi bekanntlich nur.

Um seine Mailänder bei der Stange zu halten, hatte Berlusconis Kandidatin Moratti sogar eine Strafzettel-Amnestie für Autofahrer in Aussicht gestellt. Umberto Bossi versprach die Verlegung von zwei Ministerien aus Rom nach Mailand. Wie wär’s mit einer Amnestie für Steuersünder und illegal gebaute Häuser? Da die Regierung fast alle denkbaren Amnestien für ihre Klientel längst erlassen hat, bleibt nicht mehr viel Spielraum für Bestechung. So könnte die Stichwahl zu einem historischen Datum werden: zum Tag der Abwendung der Italiener von der Kultur der Korruption. Sie ist es, die das Wirtschaftswachstum Italiens auf null gebracht hat und 30 Prozent der jungen Leute in Arbeitslosigkeit festhält. Gesellschaften, in denen die Korruption an die Macht gekommen ist, bringen sich um ihr wichtigstes Kapital: Sie können nicht die Tüchtigeren, sondern immer nur die Korrupteren rekrutieren.

Peter Schneider lebt als Schriftsteller in Berlin. An dieser Stelle schreibt er regelmäßig über Kultur und Politik.

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