Kultur : Die Unerbittliche - Eine Berliner Ausstellung am Pariser Platz

Christoph Funke

Hinter dem Eingang, noch vor der mächtig hochstrebenden Halle der Dresdner Bank am Pariser Platz lädt ein dunkler, schmaler Raum zum Besuch ein. Er gehört, bis zum 18. Mai, Helene Weigel. Fast scheint es, als wäre man persönlich eingeladen von der Schauspielerin und Intendantin des Berliner Ensembles. So intim gibt sich die Ausstellung zu ihrem 100. Geburtstag am 12. Mai.

Zu Beginn ihrer Theaterbeit in Berlin, nachm dem Ende des Krieges, wünschte Brecht ihr Geduld, Weisheit, Freundlichkeit und Hoffnung. In einem Gedicht vom 11. Januar 1949 charakterisierte er ihre schauspielerische Arbeit als "unerbittlich das Richtige zeigend". Die Genauigkeit dieser Aussage wird in der gemeinsam vom Archiv der Akademie der Künste und der Dresdner Bank getragenen Ausstellung in der Reihe "Akademie-Fenster" eingelöst, gemildert und vertieft. Man begegnet Helene Weigel wie einem Menschen von nebenan. Die Heiratsurkunde mit Brecht, der Führerschein und Reisepässe liegen aus, Briefe an Freunde und von Freunden sind zu sehen, dazu Rollenbücher - darunter das zerlesene der "Mutter Courage". Vor allem nehmen großformatige Fotos gefangen, neben Kostümen, Figurinen, Requisiten und Bühnenbildmodellen, Zeitungsausschnitten und Kritiken.

Ein Gesicht sieht den Besucher an, nachdenklich, gesammelt mit hoher Stirn, großen, aufmerksamen Augen, einer gestreckten Nase. Ein Gesicht, das Spuren des Alters aufnimmt und doch schön bleibt. Es birgt andere Gesichter in sich, die der tapferen und listigen, der bösen und aufopferungsvollen Frauen, die Helene Weigel gespielt hat. Und es erzählt von der besonderen Gabe, Leben zu organisieren, zu gestalten, auszuhalten - durch das Spiel und neben dem Spiel auf der Bühne.

Was in den wenigen Vitrinen vorgestellt wird, sind immer nur angehaltene Momente aus einem außerordentlichen Leben. Aber sie fügen sich zu einem Ganzen, weil die Zusammengehörigkeit aller Details deutlich wird. Von den ersten Kinderbildern an (mit der Schwester, die später fleißig Kritiken sammelte) erschließt sich der Weg einer Frau aus dem Wiener Spielzeugladen der Mutter hinaus in die Welt. Theaterbesessen und lebenszugewandt, hat Helene Weigel ihre Ursprünge nie vergessen. Sie war eine begierig Lernende und dann eine streng Lehrende, eine aufopferungsvolle Mutter und kluge Haushälterin. Dass Brechts Werk in finsteren Zeiten in all seinen Teilen bewahrt und vorbildlich publiziert werden konnte, ist ihrer Zähigkeit zu danken. Helene Weigel hatte Zeit ihres Lebens Kämpfe zu durchstehen, die großen politischen und die nicht weniger verzehrenden persönlichen in der Partnerschaft zu einem Dichter, der wusste, warum er "Unerbittlichkeit" feierte. Denn es war diese, ihm gegenüber wieder und wieder verzeihende Haltung, die ihm seine Arbeit ermöglichte, in welchem Land, unter welchen Umständen auch immer.

Mutter Courage, die in den Krieg zieht, um ihren Schnitt zu machen (auf Video sind Inszenierung-Ausschnitte als Bestandteil eines Weigel-Porträts der Deutschen Welle zu sehen) - das ist Bild und Gegenbild der Helene Weigel zugleich. Die Mütterliche und die Berechnende. Die Frau und die Geliebte. Die Listige und die Übertölpelte. Die Fröhliche und die leidende Kreatur, sich aufbäumend im "stummen Schrei". Und die Revolutionärin, trotz allem: "Aber den Unbelehrbaren zeige / Mit kleiner Hoffnung /Dein gutes Gesicht" (Brecht). In der Dresdner Bank kann man dieser außerordentlichen Frau noch einmal begegnen.Dresdner Bank, Pariser Platz 6, täglich bis 18. Mai, 11 bis 17 Uhr. Eintritt frei. Das Begleitbuch ("Unerbittlich das Richtige zeigend" - Helene Weigel 1900-1971) kostet 14,80 DM.

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