Kultur : Die unerbittliche Genauigkeit

STEFAN HENTZ

Es gibt eine Fotografie von Cecil Beaton, die zeigt Andy Warhol im Jahr 1969: der Künstler sitzend an einem Tisch, umringt von Mitgliedern seiner Factory.Auf dem Tisch liegen einige Mappen, Bücher und Kameras - eine für bewegte und zwei für stehende Bilder.Beatons Inszenierung ist kein Zufall.Sie zeigt Warhol mit den Personen und den Gegenständen, die seine Existenzweise, seine Stellung als Künstler repräsentieren.Und Fotografie ist ein zentraler Bezugspunkt in der Arbeit Andy Warhols.

Fotografie hat die Werbegrafik, mit der er sich in jungen Jahren seinen Lebensunterhalt verdiente, erst umgekrempelt und später weitgehend abgelöst; Fotografie ist das Medium, in dem der Starkult vom Film in die Dauer verlängert wird; Fotografie ist eine neue Kommunikationsform, der eine besondere Authentizität und Wahrhaftigkeit zugute gehalten wird.Warhol macht sie zum technischen Ausgangspunkt seiner Kunst.Sie ist ihm Mittel zur Materialbeschaffung, außerdem Inspiration und Reibefläche, mit deren Hilfe er die Möglichkeiten aktueller Kunst hinterfragt.Noch bevor Warhol seine ersten Auftragsporträts auf der Basis von Paßbildautomatenfotos realisierte, hatte er schon Bilder nach fremden Fotografien gemalt.Und daran sollte sich in der Folgezeit nichts mehr ändern.

Seine Porträts, die großen Serien der "Disasters", der "Most Wanted Men", die Ikonen des "American Way Of Life" - seinen Bildrealisierungen lagen Fotografien zugrunde.Immer häufiger auch eigene.Nach der Zeit der Experimente mit den Paßbildautomaten entdeckte Warhol die Minox 35, eine sehr kompakte, hochwertige Kleinbildkamera, und begann seinen Alltag im Milieu der Partyberühmtheiten mit dieser Kamera zu dokumentieren.Später wechselte er zu einer Polaroid, die ihn wiederum zu neuen Bildlösungen führte.Warhol und seine Kameras wurden unzertrennlich, ob gegenüber Dritten oder der eigenen Person (abgebildet: Selbstbildnis von 1979, Foto: Katalog).Die Linse wurde zu dem Schutz, durch den er die Welt aufnehmen konnte, ohne mit ihr in sinnlichen Kontakt treten zu müssen.Eine Maschine, die die Welt ganz nah heranholt, die jedes kleine Detail sichtbar macht und gleichzeitig die Distanz wahrt.Ebenso wie Warhol selbst seine Fotografie nicht als Kunst produzierte, sondern höchstens als Tagebuch und Mittel zur Produktion benutzte, so blieb sie auch von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet.Damit ist es nun zu Ende.Die Hamburger Kunsthalle hat in Zusammenarbeit mit dem Andy Warhol Museum in Pittsburgh den -zigtausende Fotografien umfassenden Warhol-Nachlaß gesichtet und daraus eine Ausstellung entwickelt, die in wunderbarer Tiefenschärfe die Bezüge zwischen der Fotografie und der Kunst von Andy Warhol herauspräpariert.Mehr als 350 zum Teil unbekannte Fotografien sind neben ihren bekannten Weiterverarbeitungen in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle zu sehen (Glockengießerwall, bis 22.August).Der kiloschwere Katalog (39 Mark) wahrt mit zahlreichen Bildern, fundierten Artikeln und Interviews mit Warhols Zeitgenossen die so seltene Balance zwischen kunsthistorischer Akkuratesse und sprachlichem Einfühlungsvermögen.Sehr zu empfehlen.

Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, bis 22.August

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