Kultur : Die Unfassbare

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Von Mirko Weber

Andere in vergleichbaren Positionen nageln ja im Dienstzimmer alles mit Bildern zu oder setzen sich unter die vorhandenen Schinken, als gehörten sie ihnen. Oder sie stellen blickfängerisch etwas auf, dass man als Besucher um die Frage eigentlich kaum noch herum kommt, was denn das wohl sei, bitte, aha, aus Bali - ja dann. Bei Lydia Hartl jedoch, im Münchner Kulturreferat gleich hinterm Marienplatz, macht das Büro den Eindruck, als sei sie gerade erst eingezogen. Oder als ziehe sie bald wieder aus. Es steht und hängt nur soviel darin, wie unbedingt nötig: Besuchertischlein, drei Stühle, Schreibtisch, Laptop, noch ein Stuhl, ein paar Bücher, eine hübsche Vase - das ist es bereits.

Inmitten dieses Minimalismus’ kommt sich fast pompös vor, wer ein Glas Wasser trinkt. Aber schon gut und verstanden: Es geht ums Wesentliche, wobei die richtigen Abenteuer eh im Kopf auf uns warten. So ähnlich denkt sie wohl, würde es aber anders formulieren. Zum Beispiel in der Art: „Das Interesse am Fremdartigen nährt sich aber nicht aus der Sehnsucht, entfernte Kulturen zu verstehen, sondern aus der Sucht nach Selbstbespiegelung, Gegenentwürfe für das Unzulängliche der eigenen Kultur zu schaffen.“

Das hat Frau Dr. med. und Dr. phil. Lydia Andrea Hartl in einem Aufsatz geschrieben, der genau vor einem Jahr erschienen ist, und zwar im Programmheft der Opernfestspiele, die damals in München mit Hector Berlioz’ Mammutoper „Les troyens“ eröffnet wurden. Der Essay, dessen Titel „Silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen“ hieß, verstand sich als Ansammlung psychogrammatischer Notizen zu Hector, Kassandra und Dido, war ziemlich klug und kam über kurz oder lang an einem Fazit nicht vorbei, das zwar die Oper von Berlioz meinte, sich im Nachhinein jedoch fast als Prophetie in eigener Hartlscher Kultureferentinnensache liest: „Politik und Leidenschaft“ heißt es da, „lassen sich nicht vereinen".

Nun ist das ja so eine Sache mit der Leidenschaft, und man sollte sich in diesem Zusammenhang jedenfalls die seit einem Jahr in München als Nachfolgerin von Julian Nida-Rümelin amtierende Lydia Hartl ganz bestimmt nicht nach dem üblichen Klischeebild vorstellen: Sie redet leise (sehr leise), redet langsam und ist stets weit entfernt davon, zu den in München reichlich vorhandenen Kulturprofis und Adabeis zu gehören, selbst wenn sie mitten unter ihnen sitzt.

Überhaupt wirkt sie manchmal weit entfernt von den ganzen Alltäglichkeiten, mit denen es jemand zu tun bekommt, der ein städtisches Amt leiten muss. Die Mitarbeiter im Kulturreferat haben das der 45-jährigen Professorin recht bald ziemlich übel genommen und überall in der Szene gestreut, dass man mit dieser seltsamen Frau wirklich nicht könne. Dass sie nicht zuhöre. Dass sie nicht diskutiere. Und dass sie vor allen Dingen gar nicht recht wisse, was sie wolle.

Wenn man mit Lydia Hartl über die Einschätzungen spricht, die sie ja mittlerweile stark beunruhigen müssten, weicht sie gerne aus und erzählt von den unbestreitbaren Anfangsschwierigkeiten in ihrem Job. Als da waren zuerst ein seit einem halben Jahr verwaistes Amt. Hals über Kopf war der heutige Kulturstaatsminister Nida-Rümelin nach Berlin aufgebrochen, und es hat dann gedauert, bis der Oberbürgermeister Christian Ude seine Wunschkandidatin, die vormalige Professorin an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, den seinen in der SPD schmackhaft machen konnte. Nach einer kurzen Schonfrist gab es dann direkt Ärger mit der CSU, ntlich mit dem Co-Referenten Franz Forchheimer, der aber mittlerweile nicht mehr im Stadtrat sitzt. Zudem war es vor der Kommunalwahl in München heikel, über Geldvergaben zu entscheiden.

Lydia Hartl hatte es alles andere als leicht. Andererseits hat sie es sich selber schwer gemacht - und auch das von Anfang an. Denn wenn die neue Kulturreferentin einmal redete, was öffentlich mehr als selten geschah, dann garantiert von ihren beiden Lieblingsprojekten. Eines heißt „Kunst im öffentlichen Raum"; das andere „Medienkonzept". Sie sprach dann aber nicht so darüber, dass man sie wirklich hätte verstehen könne, sondern, wie meistens, in Andeutungen. Mit Andeutungen jedoch hat noch kein Stadtrat gut leben können, und so kommt es, dass Lydia Hartl bei den meisten Dingen, die sie angehen, noch irgendwo auf dem Weg ist und keinesfalls am Ziel.

Das kann mal sachliche Gründe haben, wie im Fall der Münchner Kammerspiele, an denen sich die Stadt finanziell fast zu Tode renoviert hat. Erst in der kommenden Saison jedoch darf der neue Intendant Frank Baumbauer damit rechnen, ein funktionstüchtiges großes Haus zu haben.

Bis dahin lässt er mehr oder minder auf einer Baustelle spielen, und da hat natürlich der bayerische Staat mit seinem Residenztheater auf der anderen Straßenseite der Maximilianstraße gut lachen, weil Dieter Dorn dort mittlerweile das „Resi“ betreibt wie früher die alten Kammerspiele: umsichtig und höchst erfolgreich, sowohl künstlerisch wie finanziell. Aber die Kammerspiele sind noch das kleinste Übel für Lydia Hartl.

Größeres Ungemach hat sie sich und ihrem Ressort dadurch zugefügt, dass die bereits von Nida-Rümelin bereit gestellten Mittel für „Kunst im öffentlichen Raum“ noch nicht ausgegeben worden sind - und wann liegt das Geld für Kultur schließlich schon einmal derart auf der Straße? Im Gegenteil muss Lydia Hartl nun fast zwei Millionen Euro ihres Etats einsparen und sich um alle möglichen Renovierungen kümmern: am Stadtmuseum und am Deutschen Theater (ein Variete-Schuppen, der Hartl vollkommen fremd ist), am Gasteig, am Lenbachhaus und am Volkstheater, das gerade Abschied von seiner ehemaligen Intendantin Ruth Drexel genommen hat.

Daneben hat sie sich um die Zukunft des Jüdischen Museums am Jakobsplatz zu sorgen, das ihr „sehr am Herzen liegt“, wie sie sagt, und überdies noch einen Nachfolger zu suchen für James Levine als Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, die sich bereits auf der Berliner Christian Thielemann geeinigt haben.

Thielemann dirigiert so gut wie nicht an der Deutschen Oper, wohl aber wieder in Bayreuth und überall sonst auf der Welt. Bisher jedoch konnte er für München nicht dingfest gemacht werden. Will sie nicht? Kann sie’s nicht? Es gibt einige - auch sehr wohlwollende Menschen - in München, die sich nach einem Jahr Amtszeit diese Frage stellen.

Stellt man ihr selber die Frage, zieht sich Lydia Hartl auf sphinxhafte Weise und mit Beleidigtheitsmund hinter „Sachzwänge“ zurück, deren Ausmaß sie offensichtlich unterschätzt hat. Ihr Reich ist jedenfalls nicht von jener politischen Welt, in der sie nun einmal hauptsächlich zu leben hat. Lydia Hartl liebt das Spekulative, die Vernetzung, das Ungefähre, und hat deshalb zum Beispiel sehr viel Gefallen gefunden an der diesjährigen städtischen Biennale, dem Festival für Neue Musik. Kurz gesagt ist in der Geschichte dieser Veranstaltung nie eine Absicht schiefer gegangen, als die diesmal zu Grunde liegende: Die Musik brach nämlich - in unterschiedlicher Form - ins World Wide Web ein und hinterließ meistenteils ein recht enttäuschtes, ratloses Publikum. Lydia Hartl schätzt solche Irritationen, aber wenn man sie auf die Problematik so mancher Veranstaltung hinweist, die jeweils fast den Saal leer gespielt hätte, wehrt sie ab und redet lieber von italienischen Opernhäusern: „Waren Sie einmal in Vicenza?“

So ist es oft. Sie ist nicht recht zu fassen. Das strapaziert auf die Dauer auch den Gutwilligsten in einer Stadt, an der die gebürtige Münchnerin Hartl vor allem schätzt, dass sie - im Gegensatz zu Berlin - eine „gewachsene Kulturstadt“ ist. Den Begriff von sich selbst müsse München freilich erweitern, meint Lydia Hartl. Ihre vorerst einzige kulturpolitische Tat, die in etwas feineren Umrissen erkennbar wird, ist die Planung eines NS-Dokumentationszentrums am örtlichen Königsplatz. Auch diesbezüglich ist man im Kulturreferat aber noch auf der Suche nach einem richtigen Konzept und hält vorsichtshalber erst einmal zwei Symposien ab - Ende des Jahres.

Bis dahin wird Lydia Hartl noch ein wenig in der Welt herumreisen, wo doch „in Indien oft die spannendsten Sachen passieren“, vielleicht wieder ein Programmheft schmücken, und - wie es ihre Art ist - leidenschaftlich, aber recht unvermittelnd vor sich hindenken.

Die letzte Entscheidung in Sachen Dokumentationszentrum ist eh nicht die ihre. Ob das Haus gebaut wird, bestimmt der Freistaat Bayern. Aber vielleicht ist das für die Münchner Kultur ganz gut so.

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