Kultur : Die unfreiwillig komische Wichtigkeit

CONSTANZE SUHR

"Ja, und was soll das für einen Zweck haben?" Künstler, die sich aus dem geschützten Ambiente der Galerie wagen, müssen sich immer wieder diese Frage gefallen lassen. Was hat das für einen Sinn? Da sitzen drei verrückte Typen auf einem merkwürdigen Holzgestell, als hätten sich hier am ehemaligen Mauerstreifen Siedler aus dem venezuelischen Orinoco-Delta niedergelassen und Bambusstäbe ihres Pfahlbaus berlingerecht eingefärbt. Und obwohl es in dem Eck zwischen Mengerzeile, Harzer- und Bouchstraße kein Gewässer gibt, erlauben sich die Bewohner dieses gelb, pink und hellgrün angemalten Gerüstes nicht, ihre Wohnstatt, auf der sie das Gelände in zehn Tagen überqueren, während der Reise zu verlassen."Voyage Platform II" nennt der New Yorker Bildhauer Ward Shelley seine Arbeit, auf der er zusammen mit David Brody und Ole Olaussen kampiert. Sechzehn Meter pro Tag beträgt die Reisegeschwindigkeit. "Das ist eine unheimlich langsame Art, sich fortzubewegen, und unnötig kompliziert dazu", erklärt Shelley. "Aber es scheint, als würden die Menschen immer die komplizierten Dinge besonders schätzen." Gerade die Unsinnigkeit, die unfreiwillige Komik all dieser uns so wichtigen alltäglichen Dinge, die wir meinen erledigen zu müssen, war Shelleys Quelle der Inspiration. So entstanden in vorhergehenden Arbeiten Karikaturen der Geschäftigkeit: rollende Tonnen, die nicht so recht vorwärtskommen und sich gegenseitig behindern; ein Toaster, der wiederholt daran scheitert, ein Regal zu erklimmen; ein Staubsauger, der nur noch lärmt.Die Reiseplattform ist Teil des Projektes "Zwischenfälle", initiiert von der in Berlin arbeitenden Künstlerin Hildegard Skowasch. Mit dem ständigen Blick aus ihrem Fenster auf den ehemaligen Mauerstreifen im Treptower Atelierhaus Mengerzeile wuchs ihr Bedürfnis, die Betroffenheit über diesen geschichtsträchtigen Ort künstlerisch auszudrücken. Die Unmöglichkeit, über die Mauer hinweg zu kommunizieren, und die immer noch bestehenden Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ost und West - auch ohne Mauer - scheinen wie ein düsterer Geist über diesem Brachgelände zu schweben. Fast wie um diesen Spuk zu vertreiben, schallen in unregelmäßigen Abständen Kinderstimmen im Wechsel von einer Seite zur anderen: "Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?" Zwei ältere Damen horchen interessiert auf und lächeln, als ihnen Skowaschs Klanginstallation zu Ohren kommt. Sie fühlen sich durch das imaginäre Spiel an frühere Tage erinnert: Da konnte man das erdachte Gewässer überqueren, und wenn es hüpfend, miauend oder auf Stelzen sein mußte. Die Lichtinstallation "Drei, geteilt" von Harald Busch und Claudia Wissmann vollendet das Spiel mit dem Sinnvollen, Nutzlosen, Hintergründigen. An drei Brandwänden des Atelierhauses Mengerzeile und der anliegenden Wohngebäude, die durch ihre Bemalung in zwei Teile getrennt wurden, befestigten sie jeweils dreieckige Lichtkästen. Sie vermitteln die Illusion, als würde es dort nur halbe Fenster geben. Während Passanten über Sinn und Unsinn des Projektes rätseln, sieht ein Rentner aus der Nachbarschaft sofort den praktischen Nutzen: Er freut sich über Holzabfälle für seinen Badeofen.

"Zwischenfälle": Harald Busch und Claudia Wissmann ("Drei, geteilt"); Ward Shelley mit David Brody und Ole Olaussen ("Voyage Platform II"); Hildegard Skowasch ("Fischer, Fischer. . ."); Ausstellung bis 11. Juli. ganztags vor dem Atelierhaus Mengerzeile, Mengerzeile 1 - 3, Berlin-Treptow. Telefon: 536 86 02.

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