Kultur : Die ungetaufte Sprache

Blick zurück im Zorn: Martin Walser erklärt seinen Wechsel von Suhrkamp zu Rowohlt zum ideologischen Akt

Marius Meller

Thomas Mann war seinem Verlag, dem S. Fischer Verlag, 58 Jahre lang treu. Von 1898 bis zu seinem Tod 1955. Autor und Verlag – das galt einst als Bund fürs Leben.

Martin Walser hätte den Treue-Rekord Thomas Manns überbieten können. Sein Verlags-Bund schien ebenfalls einer fürs Leben zu sein. 1955 erschien Walsers Debütband „Ein Flugzeug über dem Haus“ im damals fünf Jahre jungen Suhrkamp Verlag. Schon bald freundete er sich mit Peter Suhrkamps Kronprinz Siegfried Unseld an, der 1959, nach dem Tod Suhrkamps, die Verlagsleitung übernahm. Bei der Erfolgsgeschichte Suhrkamp-Unseld war Walser von Anfang an dabei. Er war Berater des Verlegers, plante mit anderen auserwählten Autoren zusammen mit Unseld und den Lektoren Verlagsprojekte wie die prägendste Taschenbuchreihe der jungen Bundesrepublik: die „edition suhrkamp“. Walser war damals links, sehr links. Dennoch hielt er 1968 zu Unseld, als die Suhrkamp-Lektoren den Aufstand probten. Er ging mit ihm, wie man so sagt, durch dick und dünn.

Die Debatten-Maschine

Aber jetzt, ein Jahr vor der goldenen Hochzeit seiner Verlagsehe, ein Jahr bevor er sein halbes Jahrhundert als Suhrkamp-Autor komplettiert hätte, wechselt Walser zu Rowohlt und verlässt das Frankfurter Verlagshaus mit wehenden Fahnen. Und tritt nach. Mit einem Offenen Brief im „Spiegel“ verabschiedet er sich von den „Liebwerten Damen und werten Herren“ des Suhrkamp Verlags. Damit will er allerdings nur die Mitarbeiter vom Archiv bis zum Lektorat angesprochen wissen; die Verlagsleitung, die „zwei, drei Tempelportiers“, nimmt er explizit aus. Tempelportiers – das sind für Walser die neuen Verlagsleiter um die Witwe des 2002 verstorbenen Siegfried Unseld, Ulla Berkéwicz, die seit letzten Herbst die Macht im Hause offiziell als Geschäftsführerin ausübt.

Die Bindung an den verstorbenen Verleger war die stärkere im Vergleich zur Bindung an die Institution. Es gibt sogar, das bestätigt die Rechtsabteilung des Rowohlt Verlags, eine Zusatzvereinbarung zu den Einzelverträgen zwischen Walser und Unseld aus dem Jahr 1997, die dem Autor die Rückgabe der Rechte zusichert: für den Fall des Todes des Verlegers oder dessen Ausscheidens aus dem Verlag. Angesichts der komplizierten Nachfolgeregelung, die Unseld vor seinem Tod festlegte, und der maßgeblichen Rolle seiner Witwe Ulla Berkéwicz darin ist allerdings juristisch fraglich, ob die freundschaftliche Vereinbarung zwischen Unseld und Walser nach wie vor gilt.

Es ist unwahrscheinlich, dass weitere Autoren über solche Zusatzregelungen verfügen. Und noch unwahrscheinlicher, dass Walser eine Abwanderungswelle von Autoren auslöst, die mit den neuen Chefs unzufrieden sind. Walsers Weggang ist das Resultat seiner persönlichen Geschichte als Autor und seiner Beziehung zu Suhrkamp als einer ideologischen Heimstatt. Denn spätestens seit Unselds Tod wendete sich diese Beziehung ins Weltanschauliche. Die Vorgeschichte: Gleich mit zwei turbulenten Debatten versorgte Walser den deutschen Literaturbetrieb.

Debatte Nummer 1: 1998 geißelte Walser in seiner Friedenspreisrede in der Frankfurte Paulskirche die „Meinungssoldaten“ der Öffentlichkeit, die mit vorgehaltener „Meinungspistole“ auf der „Dauerrepräsentation unserer Schande“ beharren und die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen zum lähmenden Dauerthema machen. Walsers Freund und Verleger Unseld hielt damals zu ihm und versuchte vergeblich, dessen empörten Debatten-Kontrahenten Ignatz Bubis mit dem plötzlich umstrittenen Autor auszusöhnen.

Debatte Nummer 2: In Walsers 2002 erschienem Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ rechnete der Autor mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ab. Einige Rezensenten sahen darin ein geschmackloses Spiel mit antisemitischen Kischees. Walser und andere hingegen sahen eine Kampagne des „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher am Werke, der in einer J’accuse-artigen Attacke das Buch noch vor seinem Erscheinen verwarf. Unseld war im Sommer 2002 bereits schwerkrank und konnte sich nicht mehr zu dem Fall äußern. Der Verlag zögerte, das Buch herauszubringen. Schließlich erschien „Tod eines Kritikers“ in einer Art Notausgabe ohne Klappentext. Wenige Monate darauf starb Siegfried Unseld.

Denktugend und Gewissen

Spätestens als Geschäftsführer Günter Berg, der Walser in der Affäre unterstützte, das Haus verließ und Ulla Berkéwicz die Verlagsleitung übernahm, musste Walser wissen, dass seine Tage bei Suhrkamp gezählt waren. Günter Berg fand einen neuen Job als Chef von Hoffmann und Campe, und viele wähnten Walser schon im Programm des Hamburger Verlagshauses. Mit der Entscheidung für Rowohlt hat sich Walser für das größere Haus entschieden. Wie wird er mit Rowohlt-Chef Alexander Fest zusammenarbeiten? Der 77-jährige Walser hat im 44-jährigen Fest jedenfalls einen Verleger, der auf Verstöße gegen die politische Korrektheit sensibel reagiert. Gerade erst hat sich Alexander Fest von seinem Autor Thor Kunkel und dessen Nazi-Porno-Buch „Endstufe“ getrennt.

In seinem „Spiegel“-Brief benennt Walser sein Ausscheiden aus dem Suhrkamp Verlag nun offen als ideologischen Konflikt: Die „so genannte Suhrkamp-Kultur“ sei nie nur eine literarische gewesen, „sondern immer auch die Kultur einer bestimmten Denk- und Verhaltenstugend. Das soll sie bleiben. Ich aber möchte nicht vorgedachten Ansprüchen entsprechen müssen, sondern die Welt auf meine Art ausdrücken, in einer sozusagen ungetauften Sprache.“

Mit dem Begriff „ungetaufte Sprache“ spielt Walser auf einige seiner Kritiker an, die seine jüngsten Werke in der Tradition des „Neu-Heidentums“ sehen. Dieses lehne sich gegen die Dominanz der judäo-christlichen Kultur auf und verstoße dabei heute gegen das moralische Gebot der kollektiven Erinnerung an die Nazi-Verbrechen. Walser hingegen beruft sich auf die individuelle Kategorie des Gewissens, in das er sich nicht von offiziellen Diskursen hineinreden lassen will.

Walser beharrt in seinem Brief auf der politischen Dimension seiner Entfremdung von Suhrkamp. Es ist verständlich, dass der Verlag, zu dessen Identität immer die Pflege der deutsch-jüdischen Intellektualität gehörte, diesem Autor offenbar keine Träne nachweint. Es ist ein klarer Schnitt, und er ist respektabel angesichts der Tatsache, dass die Trennung von Walser eine nicht unbeträchtliche Schmälerung des ökonomischen Fundaments des Verlages bedeutet. Nicht zuletzt wegen ihres Skandalwertes haben WalserBücher stets hohe Auflagen.

Allerdings kann man den Spieß nicht umdrehen und – wie gestern in der „FAZ“ zu lesen war – insinuieren, dass der Rowohlt Verlag mit seinem neuen Autor nun ins ideologische Zwielicht gerate. In einer pluralistischen Verlagswelt muss der Streit auch um die neuralgischen Punkte unserer kollektiven Identität möglich sein. Und schließlich hat Martin Walser noch andere Themen: „Augenblick der Liebe“ heißt das Buch, das im Herbst bei Rowohlt erscheinen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar