Kultur : Die Union und die Gentechnik: Bußpredigt

Martin Gehlen

Unter den katholischen Bischöfen rumort es. Teilweise verwundert, teilweise zustimmend verfolgen sie die Interviews der Kölner und Berliner Oberhirten, die in regelmäßigen Abständen hart mit der CDU/CSU ins Gericht gehen und mehr katholische Distanz zur Union verlangen. Das Wort führen die beiden im Osten Deutschlands aufgewachsenen Kardinäle, Georg Sterzinsky und Joachim Meisner. Während Sterzinsky bei Themen wie Sozial-, Familien- und Ausländerpolitik die Positionen der Christdemokraten aufs Korn nimmt, meldet sich sein Kölner Kollege immer dann zu Wort, wenn ihn die christdemokratische Haltung zu Abtreibung, Schwulenrechten oder Gentechnik ärgert. So verschieden ihre Anliegen, in einem Punkt sind sich die beiden in Erfurt ausgebildeten Würdenträger einig: Die Kirche dürfe sich nicht auf die CDU/CSU fixieren und die anderen Parteien als Gegner betrachten. Die Union sei nicht die katholische Hauspartei, welche stets mit unkritischer Gunst rechnen könne.

Damit sprechen die ostdeutschen Kardinäle manchem westdeutschen Bischof durchaus aus der Seele. Deren öffentliche Kritik an den Unionsparteien jedoch klingt in der Regel wesentlich gedämpfter. Sie haben - anders als Meisner und Sterzinsky - die CDU nicht jahrzehntelang als linientreue Blockpartei erlebt, sondern als überkonfessionelle, christlich geprägte Nachfolgerin des katholischen Zentrums und damit als natürliche Verbündete des katholischen Milieus. "Es ist klar, dass die Stimme des Gewissens jedem aufrichtigen Katholiken befiehlt, seine Stimme den Kandidaten oder der Liste zu geben, die gemäß dem Gesetze Gottes und der christlichen Sittenlehre wirklich hinreichende Garantien bieten für den Schutz der Rechte Gottes, der Familie und der Gesellschaft", hieß es beispielsweise zu Konrad Adenauers Zeiten im Wahlhirtenbrief 1961. Auch CSU-Chef Franz Josef Strauß erhielt 1980 für seine Kanzlerkandidatur direkten Beistand von der Deutschen Bischofskonferenz, als diese in scharfen Worten die steigende Staatsverschuldung und Bürokratisierung unter der SPD-geführten Regierung von Helmut Schmidt anprangerte - bislang allerdings das letzte Mal, dass Bischöfe so ungeschminkte Wahlhilfe für die Union leisteten.

Denn in den achtziger und neunziger Jahren - unter den unionsgeführten Regierungen von Helmut Kohl - entwickelten sich immer stärkere Reibungen. Zunächst stieß die Ausländer- und Asylpolitik der CDU/CSU auf offenen Widerstand der Oberhirten. Beim Kirchenasyl kam es mehrfach zu gereizten Wortwechseln mit den Unions-Innenministern. Kirchenasyl sei "glatter Rechtsbruch", die Kirchen wollten "rechtsfreie Räume einrichten", argwöhnte der damalige Ressortchef Manfred Kanther. "Die Ausländerpolitik der CDU halte ich nicht für gerecht. Die ist nicht christlich", konterte Kardinal Sterzinsky und fügte hinzu, ihn störe bei der Union vor allem "der Unterton", welcher in seinen Augen Fremden gegenüber allzu negativ gefärbt ist. Andere Bischöfe, wie der Limburger Franz Kamphaus, äußerten sich ähnlich scharf, vermieden es aber, die Unionsparteien direkt beim Namen zu nennen.

Die entscheidende Zäsur im Verhältnis zur Union jedoch entstand durch das Sozialwort der Kirchen vom Februar 1997, welches in Deutschland eine "neue Armut" und eine wachsende Schieflage in der Einkommensverteilung beklagte. Der Text sprach zudem von tiefen Rissen in der Gesellschaft und einer "strukturellen Benachteiligung" der Familien. Erstmals fanden die Kirchen damit inhaltlichen Anschluss an sozialdemokratische und grüne Positionen. Gleichzeitig artikulierte der Text, den die Unionsführung zähneknirschend als "hilfreich" und "wegweisend" lobte, ein breites Unbehagen an den marktliberalen Rezepten, welches Gerhard Schröder letztlich den Wahlsieg eintrug. Auch hier war es nicht der West-Vorsitzende des Bischofskonferenz, Karl Lehmann, der die Kohl-Regierung ausdrücklich für die aufgelisteten Missstände haftbar machte, sondern der Berliner Kardinal, der Ostdeutsche Georg Sterzinsky. "Die Kirchen haben den Mut, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen, die unter der CDU-Regierung entstanden sind", erklärte er. "Marktwirtschaft pur ohne soziale Verpflichtung führt zu Ungerechtigkeit und hebt die Demokratie auf."

Die Kirche müsse mit allen demokratischen Parteien einen normalen Kontakt haben, meint der Paderborner Jungbischof Reinhard Marx mit Blick auf die Zukunft. Die Grünen schätzen den 47-Jährigen als "einen Schwarzen, mit dem man gut diskutieren kann." Sie fühlen sich mittlerweile in wichtigen gesellschaftlichen Anliegen der katholischen Kirche näher, als dem SPD-Koalitionspartner oder der Opposition von CDU/CSU. Als Kardinal Sterzinsky vor zwei Wochen auf das Problem der "illegalen" Zuwanderer aufmerksam machte und von der Politik rasche Taten forderte, kam Beifall nur von den Grünen. Alle anderen schwiegen. In der Biopolitik wiederum kündigte Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer am Wochenende einen "ethisch fundamentalistischen Kurs" ihrer Partei an und erklärte: "In der Frage der Biotechnologie werden die Grünen dicht an der Position der katholischen Bischöfe sein."

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