Kultur : Die Union und die Gentechnik: Was C sagt

Elisabeth Jünemann

"Rettet das C, rettet die Menschenwürde", unter dieser Überschrift wird, kündigt CDA-Chef Hermann-Josef Arentz an, der CDU-Arbeitnehmerflügel auf seiner Bundestagung eine Initiative starten. Wer am Wochenende aufgepasst hat, dem kann nicht entgangen sein: Die CDU steckt schon wieder in Schwierigkeiten. In grundsätzlichen. Ihr "C" ist in die Diskussion geraten. Es sei nicht mehr zu erkennen, heißt es. Die christliche Sorge um die Heiligkeit des Lebens werde verdeckt von parteitaktischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen. Ein Position wird vermisst, ein Votum gefordert. Und diese Klage kommt nicht nur von denen, die von der CDU notorisch enttäuscht sind, weil sie dem Wunsch, der verlängerte Arm der Kirche zu sein, nicht so recht nachkommen will. Sie kommt auch aus den eigenen Reihen.

Aktueller Anlass ist die innerparteiliche Debatte der CDU um die Zukunft der Gentechnologie. Von der "C"DU hatte man erwartet, dass sie sich einstimmig für konkrete Normierungen ausspreche. Stattdessen diskutiert man sich dort um Kopf und Kragen. Nicht einmal im Präsidium kann man sich auf eine Linie einigen. Weder in der Frage der Präimplantationsdiagnostik noch in der Frage der Stammzellenforschung. Präsentieren sich die CDU-Politiker als Zeitgeist-Surfer?

Kirche muss Politik inspirieren

Man wird darüber nachdenken müssen. Erfahrungen zeigen, dass in einer Zeit, in der sich die Begründung von Normen durch Autorität (gleich ob Personen oder Traditionen, ob Religion, Wissenschaft oder Recht) immer wieder als unzureichend erweist, die Antwort auf die Frage "Was sollen wir tun?" nur im Diskurs zu vermitteln ist. Eine Zustimmung zum "C", das sich zum Beispiel im Einsatz für die Heiligkeit und die entsprechende Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens zeigt, ist nur im Diskurs zu erreichen. Um in einem solchen Diskurs das C in die Politik zu setzen, brauchen sich CDU und Kirche. Ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das auch zu Enttäuschungen führt.

Zum Beispiel da, wo in der Gentechnologie-Debatte einerseits die Kirchen von der christlichen Partei eine 1:1-Umsetzung des christlichen Menschenbildes erwarten, die CDU/CSU andererseits von den Kirchen Absegnung ihrer faktischen Politik. Das christliche Menschenbild kann nicht ohne weiteres und unmittelbar in konkrete Politik umgesetzt werden. Und politische Regelungsvorschläge können sich mit guten Gründen auch dann voneinander unterscheiden, wenn sie sich am "C" orientieren.

Nicht nur eine Marke

Die C-Parteien und die Kirchen müssen kooperieren. Die Kirchen können sich nicht auf das Zensieren beschränken, sie müssen inspirieren. Die Kirchen können sich als Franchisegeber für das "C" verstehen. Als Franchisegeber stellen sie nicht nur die Marke. Sie liefern auch Ideen und Inhalte zur ständigen Aktualisierung der Marke. Das heißt aber: Die Kirchen begleiten die Politik, und zwar langfristig und verlässlich. Sie unterstützen eine christlich-politische Moral. Zur moralischen Grundausstattung gehören Überzeugungen, gehört christliches Lebenswissen, eine christliche Kultur.

Die Kirchen sollten in die Offensive gehen. Sie sollten Möglichkeiten zur Inspiration bieten, unter den veränderten Bedingungen - schließlich ist nicht mehr das christlich-katholisch geprägte Rheinland Ort der Politik, sondern eine Hauptstadt Berlin in einem weithin kirchenfernen Umfeld. Sie sollten Platz finden für eine neue Zuwendung der Kirche zur Politik, die Gelegenheit zum Nachdenken und zum Gespräch geben.

Die Autorin ist Professorin für katholische Sozialethik an der Katholischen Fachhochschule in Paderborn.

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