Kultur : Die Unrast des Adlers

KNUD KOHR

Es gibt vermutlich nicht viele Weltstars, die wildfremden männlichen Besuchern eigenhändig aus dem Mantel helfen.Hardy Krüger, der mit karierter Golfhose und ausgewaschenem Rollkragenpullover bekleidet in seiner Hotelsuite am Gendarmenmarkt empfängt, tut es.Durch diese selbstverständliche Freundlichkeit gelingt es dem siebzigjährigen Globetrotter, binnen Minuten eine Atmosphäre zu schaffen, als wäre man zufällig in sein privates Wohnzimmer hineingeschneit.Ehrfurcht, die sich angesichts seiner bereits 55 Jahre währenden Schauspieler- und Autorenkarriere durchaus breitmachen könnte, kommt so erst gar nicht auf.

"Ich war gerade eine halbe Stunde spazieren", vibriert seine dunkle Stimme durchs Zimmer."Eine einzige Großbaustelle da draussen.Aber mich freut es, daß Berlin endlich wieder Weltstadt wird." Das war es zum letzten Mal, als Eberhard Krüger 1928 in Biesdorf geboren wurde.Mit dreizehn Jahren schickten ihn seine Eltern auf die Ordensburg nach Sonthofen, jenem Elite-Internat der Nazis, dessen Schüler Adolf Hitler "seine 1500 Söhne" nannte."Mein Vater vertraute Hitler, weil er plötzlich nicht mehr arbeitslos war.Überzeugter Parteigenosse war er bestimmt nicht", sagt Krüger.1943 wurde er im Internat für den Propagandafilm "Junge Adler" entdeckt.Bei den Dreharbeiten in Babelsberg traf er Hans Söhnker, der unter großen Gefahren Juden zur Flucht verhalf und den Hitlersohn Krüger über das Regime aufklärte.

Nach dem Krieg begann Krüger seine Schauspielkarriere.Einigen Jahren als Theaterstatist folgte eine beeindruckende Laufbahn im internationalen Film.Der im wirklichen Leben überraschend zierliche Krüger arbeitete unter Howard Hawks und Richard Attenborough.Er spielte mit Yul Brynner, Orson Welles und Laurence Olivier.1962 wurde der Film "Sonntage mit Sybill", in dem der Deutsche unter der Regie von Serge Bourguignon die Hauptrolle spielte, mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.Und er traf Tito, Adenauer und Helmut Schmidt, mit dem ihn bis heute eine enge Freundschaft verbindet.Ende der sechziger Jahre begann Krüger zu schreiben.Gleich sein erster Roman, "Eine Farm in Afrika", wurde 1970 ein Erfolg.

Ein Buch ist auch der Grund, warum er aus seiner kalifornischen Wahlheimat nach Berlin gekommen ist.Mit seinem gerade erschienenen neuen Buch ist er seit einigen Tagen auf Lesereise.Titel: "Wanderjahre - Begegnungen eines jungen Schauspielers".Als Schriftsteller will Krüger sich trotz seiner vielen Bücher nicht sehen."Ich bin eher ein Geschichtenerzähler.Wenn wir hier abends zusammensäßen, dann würde ich mit einer Geschichte anfangen und vom Hundertsten ins Tausendste kommen.Deshalb sind meine Bücher auch so verschachtelt geschrieben.Ein Kritiker sagte mal, mein Stil wäre wie der Rösselsprung beim Schach."

Aber "Wanderjahre" ist keine Anekdotensammlung, bei der sich der Leser quasi ans Lagerfeuer des alten Weltenbummlers setzt und unterhalten wird.Wie schon beim 1983 erschienenen Roman "Junge Unrast", in dem Krüger sich mit der Zeit in Sonthofen und seinen Kriegserlebnissen auseinandersetzt, hat er auch diesmal ein politisches Anliegen: "Die Nazizeit, der Antisemitismus haben mich mein Leben lang beschäftigt.Darum schreibe ich über Adenauer und die alten Nazis in den ersten Jahren der Bundesrepublik.Aber auch über Truman, der den Amerikanern nicht die Wahrheit über die Atomtests in New Mexico gesagt hat.Nie wieder sollen sich Politiker so abschotten können, daß sie zur unantastbaren Obrigkeit werden." Und natürlich erschrecken ihn die jungen Nazis in Deutschland."Deshalb lese ich auch jetzt, um den 9.November herum, in Berlin."

Mittlerweile ist Krügers Frau Anita in die Suite gekommen.Er schaut auf die Uhr."Oh, schon eine Stunde rum.Dann muß ich jetzt bald nach Magdeburg, ein paar Bücher verkaufen." Der alte Gentleman geht ins Nebenzimmer und kommt mit dem Mantel zurück."Den sollen sie ja zurückhaben", lächelt er, "wo es doch heute so kalt ist."

Hardy Krüger signiert am Donnerstag um 17 Uhr im Kaufhof am Alexanderplatz und liest um 20 Uhr im Freizeitforum Marzahn

0 Kommentare

Neuester Kommentar