Kultur : Die unsoziale Marktwirtschaft - Ordo feiert 50. Geburtstag

Rainer Hank

Deutschland ist weit davon entfernt, ein wirtschaftspolitisches Vorbild für andere Staaten zu sein. Anhaltende Massenarbeitslosigkeit, ein desolates Rentensystem und - bis zum gesetzlichen Beweis des Gegenteils - ein reformbedürftiges Steuersystem sind der Grund dafür. Wilhlem Röpke, einer der Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus, hat diese Entwicklung vorausgesehen: Vergeblich hat er vor Verstößen gegen die Grundregeln einer freiheitlichen Politik gewarnt. Der Marburger Ökonom Walter Hamm hat an diese Frühwarnungen Röpkes jetzt erinnert. Hamms Studie ist jetzt im 50. Band des Ordo-Jahbuches erschienen, dessen Gründung auf ebendiese Freiburger Schule und die Väter Walter Eucken und Franz Böhn zurückgeht. Der Sammelband dokumentiert zugleich Beiträge zum 100. Geburtag von Röpke (1999), die beweisen, dass der Ökonom unter allen deutschen Ordo-Liberalen der internationalste war. In Freiburg wurde die Soziale Marktwirtschaft erfunden; doch das hat wenig zu tun mit der Ideologie der Umverteilung, die heute darunter verstanden wird. Hand Wilgerodt macht darauf aufmerksam, dass die Gründer der Marktwirtschaft zwar die Notwendigkeit einer Sozialpolitik betont, aber niemals ihre Dominanz gegenüber Eigenvorsorge und Selbsthilfe befürwortet hätten. Aus der sozialen wurde inzwischen die unsoziale Marktwirtschaft.

Razeen Sally, Professor an der London School of Economics, stellt Röpke in die Tradition der schottischen Aufklärung (David Hume und Adam Smith). Sie alle vertreten laut Sally einen "Liberalismus von unten". Das heißt: Auch eine internationale Wirtschaftsordnung setzt ein Minimum eines Ordnungsrahmens in den einzelnen Nationalstaaten voraus - inbesondere eine Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Sallys Bemerkung bringt die aktuelle Diskussion um Globalisierung und eine neue Weltwirtschaftsordnung in die richtigte Richtung: Die Errichtung neuer internationaler Institutionen ist weniger zielführend als die Stabilisierung nationaler Wettbewerbsordnungen. Von Röpke stammt der Satz: "Internationalismus muss - wie die Nächstenliebe - zuhause beginnen."

Aber auch abseits der Freiburger Pfade enthält der neue Ordo-Band eine Reihe sehr lesenswerter Stücke. Besonders originell ist der Aufsatz von Thomas Straubhaar. Der neue Präsident des HWWA-Instituts in Hamburg untersucht die gängige These, dass Humankapital einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum ausübe. Daraus wird meist auch die Forderung abgeleitet, Bildung staatlich zu unterstützen. Straubhaar macht zu Recht darauf aufmerksam, dass die Mobilität von Humankapital zur räumlichen Trennung von Wohn- und Arbeitsort der besonders Talentierten führe. Dann kann man aber kaum einen direkten territorialen Zusammenhang zwischen Bildung und Wachstum behaupten. Wichtiger als die allgemeine Bildungsförderung, die meist falsche Anreize setzt, wäre deshalb ein förderaler Wettbewerb, um die Klügsten und Besten an den jeweiligen Standorten zu halten. Er fordert eine "Brain-Gain-Strategie"; die Bildungsforscher sollten sich damit befassen.Hans Otto Lenel (Hrsg.), Ordo-Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Band 50, Verlag Lucius & Lucius, Stuttgart 1999, 548 Seiten, 138 Mark.

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