Kultur : Die Unterschrift

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Rüdiger Schaper beobachtet

Castorf und Flierl beim Vollzug

Man versteht ihn so gut. Monatelang hat er auf seinen Vertrag warten müssen. Monatelang stand Berlin am Rande einer dicken Blamage – weil es offenbar ein bürokratisch-politisches Riesenproblem ist, einen so erfolgreichen, beliebten und im Grunde auch bescheidenen Theaterchef wie Frank Castorf in der Stadt zu halten. Man hat wirklich vollstes Verständnis dafür, wenn Castorf am Montagvormittag mit gut zwanzig Minuten Verspätung in Jeans und todschicken hellbraunen Stiefeln im Büro seines Duzfreundes und Kultursenators Flierl einreitet, um endlich die Vertragsverlängerung bis 2007 zu besiegeln. Ein bizarrer Termin in der Brunnenstraße: Als sich die beiden Herren an den Tisch setzen, sieht es aus, als habe Flierl dem Kunden Castorf soeben einen zweifelhaften Gebrauchtwagen angedreht. Und die anwesenden Journalisten dürfen sich wie Vertreter des Diplomatischen Corps fühlen, bei Brezeln, Sekt und Saft.

Castorf ist auf seine unnachahmliche Art maulig – und gut gelaunt. Etwas mehr Geld hat er ja herausgeschlagen für seine Truppe, allerdings nicht so viel, dass die Volksbühne auch nur annähernd dem Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater gleichgestellt wäre. Castorf spricht von „Wettbewerbsverzerrung“ und meint, er bleibe auch deshalb „gerne, weil ich nichts Besseres habe“, zehn Jahre Intendanz wären eigentlich mehr als genug. Flierl hätte nun locker parieren können, dass er auch keinen besseren Intendanten finden könnte, doch komischerweise versteift sich der Senator bei diesem – seltenen – Erfolgserlebnis nur noch mehr als sonst. Castorfs Handy klingelt. Seine Mama ist dran. Das ist das Problem in Berlin. Man versteht sie doch irgendwie alle: den armen Flierl, der auf die nächsten Schläge wartet, den Finanzsenator Sarrazin, der mächtig sparen muss, den Regierenden Bürgermeister Wowereit, der sich aus dem Minenfeld Kultur heraushält, und natürlich Castorf, den alten Dialektiker, wenn er philosophiert: Es ist unvernünftig weiterzumachen, aber vielleicht geht es ja gut. Seine nächste Premiere, nach Dostojewski: „Der Idiot“.

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