Kultur : Die Urplötzlichkeit der Tradition

GÜNTHER HUESMANN

Sie sang am liebsten Standards.Klassiker der amerikanischen Popularmusik, Broadway- und Musical-Melodien, Jazz-Hits.Normalerweise weiß man da ziemlich genau, was kommt.Bei Betty Carter - die am Samstag im Alter von 68 Jahren in New York an Krebs gestorben ist - wußte man nie, was kommt.Jedes Standard-Lied, das sie sang, klang wie ein spontan neu komponierter Titel.Sie hat den Mainstream-Gesang, der in den sechziger Jahren zu einer Routineangelegenheit erstarrt war, wieder zu einer spannenden und mitreißenden Angelegenheit gemacht.Sie spickte ihre Songs mit rasanten Tempobrüchen, mit überraschenden Accelerandi und Deccelerandi, mit urplötzlichen Wetterumschwüngen in der Dynamik.

Berühmt und gefürchtet war der Stil, mit dem sie ihrer Band leitete.Sie haßte Absprachen und das starre Korsett von Arrangements.Stattdessen entwickelte sie die Kunst, mit der Sprache ihres Körpers spontan eine ganze Band zu führen und Songs in unbekannte Richtungen zu entwickeln.Sie konnte mit einer unmerklichen Bewegung ihrer Hand das Tempo ändern, abrupte Stimmungsumschwünge mit einem Blick einleiten und neue Harmonien mit einer tänzerischen Bewegung andeuten.Sie zerlegte Songs in Einzelteile, schob neue Passagen hinzu; erweiterte Formen in swingender Rasanz nach Lust und Laune."Du wußtest nie, was passieren würde", erzählt der Drummer Kenny Washington, "und du mußtest als Begleiter höllisch aufpassen, wenn du dich nicht mächtig blamieren wolltest." Wer als Namenloser bei Betty Carter begann, hatte große Chancen, ihre Band als Star zu verlassen.Zahlreiche "Young Lions", die heute im Jazz den Ton angeben, gingen aus ihrer Band hervor.John Hicks, Mulgrew Miller, Cyrus Chestnut, Benny Green, Stephen Scott, Marc Cary - es sind nicht nur Pianisten, die auf die harmonische Raffinesse von Carters Gesangsstil verweisen.Der Bebop war die Wurzel ihrer Musik.Bereits in den vierziger Jahren schrieb sie moderne Arrangements für den Vibraphonisten Lionel Hampton, der sie wegen ihres verwegenen Scat-Stils "Betty Bebop" nannte.Als in den siebziger Jahren niemand mehr einen Pfifferling für den Standard-Gesang gab, gründete sie ein eigenes Plattenlabel, "Bet-Car", auf dem sie zeitlose Klassiker des weiblichen Mainstream-Gesangs produzierte (z.B."The Audience with Betty Carter").Damals, in den bewegten Zeiten des Jazz-Rock, stand sie als Hüterin des Erbes von Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan fast allein.Die "letzte Mohikanerin" nannte sie sich.Daß wenig später eine Renaissance des weiblichen Jazz-Gesangs einsetzte und heute der Standardgesang die dominierende Kraft des Jazz ist, geht auf Betty Carter zurück.Mehr als sie dem zeitgenössischen, vom Bebop kommenden Jazz gegeben hat, kann eine swingende Sängerin ihrer Musik nicht geben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben