Die USA verstehen : Warum einige Amerikaner Trump wählen werden

Was macht Trump so populär? Hierzulande gilt der republikanische Präsidentschaftskandidat weithin als unwählbar. Eine Amerikanerin erklärt, warum das in den USA anders ist.

Marcia Pally
Kampf ums Erbe. Ein Abraham-Lincoln-Darsteller bei einer Trump-Veranstaltung in St. Augustine.
Kampf ums Erbe. Ein Abraham-Lincoln-Darsteller bei einer Trump-Veranstaltung in St. Augustine.Foto: AFP

Vor lauter Details über den amerikanischen Wahlkampf, einschließlich der Bedeutung gewisser Körperteile Donald Trumps, verliert man das große Ganze leicht aus dem Blick. Warum also wählen wir Amerikaner so, wie wir wählen? Ein Teil der Antwort findet sich in unserer Zivilreligion: unserem Weltverständnis, das den politischen und ökonomischen Prioritäten beider Kandidaten zugrunde liegt und sich von dem der Deutschen radikal unterscheidet.

Der erste Glaubenssatz dieser Religion lautet Inbrunst. Probleme gelten als überschaubar, da sie hausgemacht sind. Aber schon die Lösungen sind eine Frage des Glaubens, da sie ja die Zukunft betreffen. Die Amerikaner, Nachfahren jener Leute, die so fromm waren, dass sie wegen ihres Glaubens den Ozean überquerten, haben tiefstes Vertrauen in das, was sie über den Tag retten wird. Deshalb heißt es „It’s the economy, stupid!“, sobald es Schwierigkeiten gibt. Wer Lösungen will, setzt auf den Glauben.

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Die Amerikaner sind mit Inbrunst von dem überzeugt, was der Soziologe Robert Bellah als Opfertod und Wiedergeburt bezeichnet hat. Die Parole lautet nicht nur „Zurück auf Los!“, sondern auch „Tod dem Alten und Heruntergekommenen!“. Die christliche Erzählung von Kreuzigung und Auferstehung und unser nationales Narrativ vom Verlassen der Alten Welt, um die Neue Welt zu errichten, haben die Vorstellung von Tod und Wiedergeburt fest in der amerikanischen Zivilreligion verankert.

Ein Widerhall davon findet sich in den Beschwörungen der Prediger: „Befreit euch vom Teufel!“. In der Politik heißt es entsprechend: „Schmeißt die Penner raus!“ In der populistischen Variante sind mit den Pennern wahlweise die Washington-Insider, korrupte Nichtskönner oder Unterdrücker der grenzenlosen Freiheit gemeint. Und in der fremdenfeindlichen Lesart der Nativisten sind die Penner die Einwanderer. In beiden Varianten ist die Krise gelöst, sobald die bösen Kräfte ausgemerzt sind.

Die Regierung ist den Amerikanern verdächtig

Das Revoltieren gegen die Zentralregierung ist uns gleichsam in die Wiege gelegt worden. Schon die ersten Siedler, die vor den Auseinandersetzungen zwischen Charles I. und dem Parlament über die Zentralisierung geflüchtet waren, hatten keine Lust auf Londoner Verhältnisse im Gelobten Land. Viele waren als religiöse Abweichler sogar doppelt misstrauisch, hatten sie neben der Zentralisierung doch auch Verfolgung zu fürchten. Auch die mörderischen Härten bei der Besiedlung des Westens verstärkten die Mentalität des Auf-sich-selbst-Gestelltseins; keine Regierung in der Nähe, die einem hätte helfen können. Nur die eigene Stärke und die lokale Gemeinschaft garantierten das Überleben. Auch der Protestantismus mit seiner Aufforderung, jeder möge die Bibel auf seine Weise lesen, förderte die Abneigung gegen die Autoritäten da oben.

Was für Westeuropa die Religion ist, ist für Amerika die Regierung – etwas zutiefst Verdächtiges. In der politischen Vorstellungswelt von Europa wird die Kirche mit einer tyrannischen Vergangenheit in Verbindung gebracht und muss deshalb daran gehindert werden, ihren irrationalen Einfluss auf den säkularen, rationalen, demokratischen Staat auszuüben. Er muss von der Kirche befreit werden.

Im Gegensatz dazu gelten in Amerika die Kirchen an der Basis als Stimmen des Volkes gegen die Inkompetenz und Unterdrückung seitens des Staates. Unsere Kirchen und „Wir, das Volk“ müssen vom Staat befreit werden. Wenn es Probleme zu lösen gibt, sagen die Deutschen: „Die Regierung sollte endlich die Penner rausschmeißen“. In Amerika sagt man: „Schmeißt die Penner in der Regierung raus!“ Trump verleiht denen eine Stimme, die auf die populistische und die nativistische Weise eben dies fordern. Weil es in unserer Geschichte und Weltsicht so verankert ist, verfängt es sofort und bringt Wählerstimmen.

Je unnachgiebiger Trump predigt, umso befriedigender

„Zwei Drittel von Trumps Unterstützern“, fand das Public Research Religion Institute heraus, wollen „ein Oberhaupt, das die Regeln bricht.“ Eine Neuauflage der Boston Tea Party. Andere Kandidaten vertraten ähnliche Positionen, nur fehlten ihn Trumps Federschmuck, Kriegsbemalung und -geschrei. In ihrer nativistischen Form wird die Beschwörung „Befreit euch vom Teufel!“ von der satanischen Zentralregierung auf Störer der göttlichen Gemeinschaft wie Einwanderer und Muslime ausgedehnt. Deportation und Grenzschließung sollen eine gefallene Welt retten.

Man kann von Tragik sprechen, wenn eine Politik unterstützt wird, die alle Probleme noch verschlimmert. Die Grenzen zu schließen wird angesichts der umfassenden Überprüfungsmaßnahmen bei Flüchtlingen die nationale Sicherheit sicher nicht erhöhen. Es bedient aber ungewollt die Propaganda des IS, wenn man lauthals verkündet, dass Amerika alle Muslime hasst – was diese wiederum dazu bringt, auf Rache zu sinnen.

Einwanderer außer Landes zu bringen, wird zudem die wirtschaftliche Misere nicht beheben, zumal die Immigranten Jobs schaffen und Firmen gründen. Alljährlich erhöhen sie einer Untersuchung der Harvard University zufolge das Bruttosozialprodukt um 35 Milliarden Dollar und sorgen in der dritten Generation für ein Steueraufkommen von 223 Milliarden Dollar. Doch all dies verblasst vor Trumps Prophezeiung eines Höllenfeuers für Washington. Je unnachgiebiger er predigt, als desto befriedigender wird es empfunden. Wie die sogenannte Trump University in ihren Online-Kursen einst lehrte: „Du verkaufst keine Lösungen, du verkaufst Gefühle.“

Ein zivilreligiöser Krieg

Und Hillary Clinton und Bernie Sanders? Sie predigen das andere Evangelium: „Lasst uns neu anfangen.“ Aber die Regierung hat bei diesem Neuanfang ihre Hände im Spiel, indem sie dem kleinen Mann wieder auf die Beine hilft. Wie die „New York Times“ schrieb, haben wir einen „Mr. Trump, der die populistischen Positionen wider den Freihandel mit traditionell republikanischen Steuersenkungen verquickt, und eine Mrs. Clinton, die bei der Schaffung neuer Jobs und der Steigerung von Löhnen auf die starke Hand der Regierung setzt.“

Der erste Refrain dieses staatsbürgerlichen Credos kam vor hundert Jahren auf, als Verletzungen des Arbeitsrechts den Republikaner Teddy Roosevelt dazu brachten, ein Reformprogramm aufzulegen. Sein demokratischer Cousin Franklin D. Roosevelt führte den New Deal ein; Lyndon Johnson verabschiedete Bürgerrechts- und Sozialgesetze.

Was die wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen betrifft, führt Amerika einen zivilreligiösen Krieg darum, wie es sich verhalten soll. „Befreit euch vom Teufel!“ und „Schmeißt die Penner raus!“ bleiben unsere traditionsreichsten Glaubenssätze. Ihnen steht das neuere Credo des Auf-die-Beine-Helfens gegenüber. 72 Prozent der Demokraten billigen der Regierung eine entscheidende Rolle bei der Verringerung von Armut zu; Republikaner tun dies nur zu 36 Prozent. 1787 wehrte sich die Mehrzahl der Amerikaner gegen die Verfassung, weil sie Washington zu viel Kontrolle einräumte. Heute wissen wir immer noch nicht, wie wir es mit unserer Regierung halten wollen.

Marcia Pally lehrt Multilingual Multicultural Studies an der New York University. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Gregor Dotzauer und Christiane Peitz.

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