Kultur : Die Veränderung an uns selbst

HERMANN RUDOLPH

Wie kaum ein anderes historisches Ereignis zeigt die 48er Revolution, wie groß der Wandel ist, den unser Bild der Geschichte seither durchgemacht hatVON HERMANN RUDOLPHUnter den Jubiläen dieses Jahres nimmt die Erinnerung an die Revolution von 1848 einen herausragenden Rang ein.Kein geringerer als der Bundespräsident wird die Hauptfeierlichkeiten am 18.Mai mit einer Rede auszeichnen, und die Ausstellung, die zum gleichen Zeitpunkt eröffnet wird, wird das große historische Ausstellungsereignis dieses Jahres sein.Selbst der Umstand, daß die Revolution ihre Ziele nicht erreichte, wird ihr kaum noch kritisch nachgetragen.Denn dieses Scheitern wird mittlerweile in den Schatten gestellt von der Überzeugung, daß mit ihr der Anfang für den verfassungsstaatlichen Weg gelegt wurde, dessen Durchsetzung und Befestigung den Stolz der deutschen Nachkriegsgeschichte und unserer Gegenwart bildet.Natürlich ist die 48er-Revolution nicht von den Nachdenklichkeiten ausgenommen, zu denen der Blick auf die deutsche Geschichte allemal anhält.Aber niemand ist zu sehen, der ihr ihren Rang streitig macht, und eine legitimistische Linie der Geschichte, die - wie in Frankreich - diese Bedeutung dauerhaft konterkariert, gibt es in Deutschland nicht.Irgendwie hat die Revolution schließlich offenbar doch gesiegt - in den Köpfen wie im Bild der Geschichte, das die Deutschen heute haben.Es gehört zu diesem späten Triumph, daß wir fast nur mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen können, daß das nicht immer so war.Kann es denn sein, daß noch zur Zeit unserer Ururgroßväter die Erinnerung an 1848 begrenzt war auf die Arbeiterbewegung und ein paar standfeste Liberale? Daß die Obrigkeit Jahr für Jahr in Gestalt preußischer Gendarme die Demonstranten daran hinderte, zur Erinnerung an die Revolution Kränze mit aufsässigen Kranzschleifen auf dem Friedhof der Märzgefallenen niederzulegen? Daß der sozialdemokratische Parteiführer August Bebel den größten Teil der staatserhaltenden Kräfte im Reichstag gegen sich aufbrachte, als er 1898 zu ihrem fünfzigsten Jahrestag eine Debatte über die Revolution vom Zaun brach? Der Blick zurück gibt nicht nur einen Begriff davon, wie herrlich weit wir es mit unserem Bild der Geschichte gebracht haben.Wie an kaum einem anderen historischen Ereignis zeigt sich an der 48er Revolution, wie groß der Wandel ist, den unser Bild der Geschichte seither durchgemacht hat.Das wird kaum irgendwo so deutlich wie an einer Äußerung des greisen Friedrich Meinecke, niedergeschrieben vor einem halben Jahrhundert, als die Revolution schon einmal gefeiert wurde.In einer "Säkularbetrachtung" zu 1848, herausgegeben vom Berliner Magistrat, erinnerte sich der Historiker an die Spaziergänge der Familie, die in Friedrichshain wohnte, zum Friedhof der Märzgefallenen.Der Dreiundachtzigjährige, der "Vernunftrepublikaner" der Weimarer Zeit, der noch im gleichen Jahr der Freien Universität aus der Taufe helfen wird, ruft sich ins Gedächtnis, daß er als Neunjähriger den Friedhof als "ein unheimliches Überbleibsel einer unheimlichen, schlechten und bösen Welt" wahrgenommen habe.Für den Jungen, mit der Familie zugezogen in die eben geborene Kaiserstadt, war dieser Eindruck nur das Gegenbild zu dem Ereignis, das ihn in erster Linie fasziniert hat: es ist der Einzug der sieghaften preußischen Truppen 1871, den er vom Fenster der Universität aus sah, dahinter das "kleine Häuflein alter Herren", der Veteranen von 1813, "die noch lebten und diesen Triumphzug nun mit schmücken konnten".Da "tiefdunkler Schatten", dort "hellster Sonnenschein": mit diesem Kontrast, so Meinecke, "bin ich aufgewachsen".Nun müsse er erfahren, "wie das, was früher Licht war, sich langsam,schließlich aber immer schneller umschattete, und das, was früher finster war, sich langsam aufzuhellen begann".Ein halbes Jahrhundert später zeigt sich am Bild der 48er Revolution, daß sich diese Bewegung vollendet, die Bühne sich gedreht hat.Nun zieht der gescheiterte Aufstand für Einheit und Freiheit alle Aufmerksamkeit auf sich.Von ihm aus, von den Barrikaden in Berlin und der Paulskirche in Frankfurt, gehen die Linien aus, die bis in die Gegenwart führen.1813 dagegen, die "Freiheitskriege", wie sie früher hießen, ist ins historische Dunkel abgesunken, die Reichsgründung 1871 zumindest in Zwielicht getaucht.Was von ihnen ausgeht, ist fragwürdig geworden.Sofern der Aufbruch Preußens zu Anfang des 19.Jahrhunderts im historischen Bewußtsein der Gegenwart noch präsent ist, verbindet er sich mit den Reformern, den Stein, Scharnhorst und Gneisenau; die Schlachten und Helden, Großbeeren oder Katzbach, Blücher oder Körner, die doch die Gemüter von Generationen erfüllten, haben bestenfalls in Straßennamen überlebt.Und wer schriebe die Reichsgründung noch ohne Bedenken auf die positive Seite der Geschichtsbilanz?Aber muß das jemanden irritieren? Daß jede Zeit sich ihre Geschichte neu schreibt, gehört zu den banalsten Einsichten im Umgang mit der Geschichte, und daß in unserem Bild der Geschichte der Paulskirche mehr Bedeutung zugemessen wird als den Lützower Jägern oder dem Spiegelsaal von Versailles, entspricht nur unserem Erkenntnisstand.Doch die Überzeugungskraft, die diese Verschiebung der historischen Perspektiven für uns hat, entzieht dem Blick den gewaltigen Umdenkprozeß, der sie trägt.Erst recht gilt das für den historischen Moment selbst.Es ist kein "Nachdenken über Geschichte", kein bloßer Wissens-Fortschritt, nicht einmal die Aufarbeitung der Vergangenheit, wie sie im letzten Halbjahrhundert zur Dauerbeschäftigung geworden ist, die damals Meinecke und andere Koryphäen nach dem neuen Ort für die 48er Revolution suchen läßt.Es ist die Erschütterung durch das Ende des Dritten Reiches, das für diese Generation noch schlicht das Reich war, das Reich Bismarcks, selbstverständlich in der Fluchtlinie der nationalen Mythologie stehend, von Friedrich II.bis zur Paulskirche.Es ist das einen unendlich quälenden Ton abgebende Sich-Drehen des Szenenbildes unserer Geschichte.Die Bedrohung der nationalen Geschichte, ja, ihr unterstelltes Zerbrechen im Zusammenbruch des Dritten Reiches ist das Erlebnis, aus dem das neue Bild der Revolution von 1848 entsteht.Der Preuße, der Historiker Meinecke ruft aus: "Friedrich den Großen feiern? Bismarck feiern? Unmöglich heute." Die deutsche Geschichte - "mit eigentlich allen Säkularerinnerungen nationalen und politischen Gehaltes" - rückt in die gleiche Perspektive wie das Unglück, das überall in den zerstörten Städten und beschädigten Familien offen zu tage liegt.Derselbe Meinecke, der sich zu einer neuen Sicht der Revolution durchringt, hat zwei Jahre zuvor sein Buch über die "Deutsche Katastrophe" geschrieben, das Hauptwerk der Besinnungs- und Bekümmerungsliteratur dieser Jahre.Man hat sich oft über deren Zug zur Innerlichkeit erhoben und den analytischen Zugriff vermißt - nicht zuletzt bei Meinecke selbst, der die deutsche Gesundung ausgerechnet von der Gründung von Goethe-Gesellschaften erwartet.Nun begreift man, daß diese Literatur in ihrer zerrissenen Ratlosigkeit das Medium des Ein- und Umschmelzens des bisherigen Bildes von der deutschen Geschichte ist.Im Rückblick erkennt man freilich nicht nur, daß damals der Abschied von dem bisherigen Bild der Geschichte beginnt, der über die Jahre und Jahrzehnte hinweg bis zu unseren heutigen Anschauungen geführt hat.Zugleich wird an der Debatte der 48er-Revolution deutlich, wie sehr das bisherige Bild der Geschichte auch noch Macht über diejenigen hatte, die um seine Revision rangen.Während Meinecke mit seinen Überlegungen zur Revolution von 1848 seinen - wie er formuliert - "schlichten Kranz" an den Gräbern im Friedrichshain niederlegt und, zum Fortschritt entschlossen, die Gegenwart auffordert, die deutsche Geschichte von 1848 zu vollenden, bekennt er sich zur Gültigkeit der "höchsten Ideen von 1813" und der "großen Werke und Werte des deutschen Geistes".Es wirkt wie ein Abendschimmer der idealistischen Epoche, aber er sieht darin die Gewährleistung der Zukunft.Man spürt die Gewalt des Geschichtssturzes selbst an denen, die die Erinnerung an die Revolution in Kaiserreich und Weimarer Republik hoch gehalten haben.Denn auch, beispielsweise, die Liberalen verteidigten die Revolution doch vor allem als Etappe auf dem Weg zur Reichsgründung; sie bleiben eingefügt in den nationalen Geschichtsbogen, der irgendwo von Friedrich und der preußischen Erneuerung bis zur Reichsgründung führte, in der dann das Scheitern der freiheitlichen Bewegung in den Sieg der nationalen Einheit umschlug - allemal hin und her gerissen zwischen Fortschritt und Reaktion, heftig mäandernd im Spannungsfeld von Erfolgen und Niederlagen.Auch war das 48er Erbe unter den Liberalen selbst nicht unangefochten.Im Schatten des Erfolgs der "Realpolitik" stehend, vorgestellt durch Bismarcks "Blut und Eisen"-Politik, entdeckten auch sie an den Achtundvierzigern die Züge doktrinärer Verblasenheit oder bürgerliche Geschwätzigkeit.Auch das ist vorbei.Mittlerweile steht die 48er Revolution in dem ganz anderen Wahrnehmungsraster sozialer und mentaler Prozesse, und die Nationalgeschichte gilt nur noch als ein Element darin.Kann man also im Blick auf diese Revolution vor 150 Jahren mit dem Bibelwort sagen, daß der Stein, den die Vorväter verworfen haben, zum Eckstein, zu einem Eckstein geworden sei? Ein bißchen ist es wohl so, und wahrscheinlich ist es auch gut so.Aber bloß ein Lernprozeß ist es eben auch nicht, was sich da vollzogen hat.Es ist selbst ein Stück Geschichte, ein gewaltiger Umbruch, eine Veränderung an uns selbst, die an die Wurzeln geht - auch wenn gerade das der Erinnerung, in der wir uns üben, entgeht.

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