Kultur : Die verdammte Krise

Bleiben oder gehen? Das Stück „Telemachos“ im Ballhaus Naunynstraße zeigt Griechen im Exil.

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Telemachos hat die Schnauze voll. „Denn nicht mehr erträgliche Dinge sind geschehen, und auf nicht mehr schöne Weise ist mein Haus zugrunde gegangen!“, ruft der Sohn des Odysseus. Die maßlosen Freier schlagen sich bei ihm den Wanst voll und benehmen sich wie die Schweine, aber das Volk von Ithaka steht nur stumm herum und tut nichts. Armes Griechenland! Nun ist ziemlich viel Zeit vergangen, seit Homer die Irrfahrten des Odysseus und die Nöte seines Sprösslings besungen hat. Aber man kann nicht behaupten, dass sich das Land heute in einem weniger beklagenswerten Zustand befände.

Im Ballhaus Naunynstraße verteilt eine Frau im Foyer Spendenaufrufe, „Medizinische Versorgung in Griechenland droht zusammenzubrechen“, steht auf den Flyern. Passende Einstimmung auf das Dokumentar-Theaterstück „Telemachos – Should I Stay or Should I Go?“. Die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris umkreisen darin die existenzielle Frage, vor der eine junge griechische Generation heute steht: Bleiben oder Koffer packen? Prodromos bringt dazu die eigene, typische Biografie ins Spiel. Aufgewachsen ist er in Deutschland als Kind von Gastarbeitern aus Nordgriechenland, Ende der Neunziger zog er in die Heimat der Eltern. So weit verlief alles nach familiärem Plan. „Aber die verdammte Krise“, flucht der Theatermacher, „hat alles durcheinandergebracht.“

Das Stück kommt zur richtigen Zeit. Der Medienwirbel um den griechischen Staatsbankrott ist abgeflaut, die Revoluzzer-Fotos vom Syntagma-Platz vergilben an den Facebook-Pinnwänden. Aber die Wut der Menschen, die mit leeren Taschen dastehen und das Versagen eines korrupten Systems ausbaden sollen, ist längst nicht verraucht. Prodromos Tsinikoris hat sich auf den Straßen von Athen, Thessaloniki und Berlin umgehört, ob er die Segel setzen soll. Seine Videobefragungen zählen zu den humoristischen Höhepunkten des Abends. „Wenn du weggehst, bist du ein Deserteur“, hört er in Griechenland. „Deutsche gehen ja auch zum Arbeiten nach Schweden. Warum soll ein Grieche nicht nach Deutschland kommen?“, meint ein generöser Berliner.

Mehr Verlass als auf Volkes Stimme ist auf die Gefährten, die sich die beiden Regisseure für ihre Theater-Odyssee eingeladen haben. Es sind Menschen verschiedener Generationen, manche Theaterdebütanten, deren wanderbewegte Lebensgeschichten sich zu einem erhellenden deutsch-griechischen Patchwork fügen. Der Gastronom Christos Moustakias kam 1962 nach Deutschland, schwängerte eine Polizistin, deren Vater ihm die Aufenthaltsgenehmigung besorgte, und ließ sie sitzen. Er hat in der legendären West-Berliner Sperlingsgasse mal Nana Mouskouri bewirtet. Die Sozialpädagogin Sofia Anastasiadou reiste 1970, zur Junta-Zeit, nach Deutschland aus. In den Neunzigern war sie Bezirksabgeordnete der Grünen in Steglitz. Aber nach dem Ja zum Nato-Bombardement in Serbien kehrte sie der Partei den Rücken. Die junge Psychologin Despina Bibika, die sich ihr Geld mit Putzen verdient, und der Athener Schauspieler Kostis Kallivretakis, Jahrgang 1969, sind im letzten Jahr zum Arbeiten nach Berlin gekommen.

Kallivretakis hat eine besonders bittere Geschichte zu erzählen. Sein Vater, ein Spieler, stürzte die Familie in Schulden, die der Sohn noch heute abbezahlen muss. Bei allem Groll sieht er den Vater, der in tiefer Scham starb, auch als Opfer: nicht zuletzt, weil die Banken ihm 25 Kreditkarten zur Verfügung stellten. Heute, wo das ganze Land den Bach runterginge und das Ausmaß an Filz offenliege, würde niemand mehr mit dem Finger auf den Bankrotteur zeigen, glaubt Kostis.

Pleitegriechen, Nazideutsche – natürlich spielt „Telemachos“ auch mit den wechselseitigen Vorurteilen, die nicht zuletzt Knut Berger als Quotendeutscher auf der Bühne ausbaden muss, bewaffnet mit den Odysseus-Passagen aus der „Dialektik der Aufklärung“. Aufzuarbeiten gibt es eine Menge: von den bis heute ausstehenden Reparationszahlungen Deutschlands an Griechenland bis zur Frage, ob die Syntagma-Demonstrationen die Geburt einer neuen, direkten Demokratie waren oder bloß ein medial gehyptes Kitschfest.

Die stärksten Momente aber hat „Telemachos“ dort, wo sich die Kraft der Erzählungen unaufgeregt entfaltet. Und anklingt, dass es für Schicksale keinen Rettungsschirm gibt. Das letzte Wort gehört Christos, dem Wirt. Ihm ist egal, wo er mal begraben wird, ob in Deutschland oder Griechenland. Es darf auch gern eine Beerdigung zum Schnäppchenpreis sein. Patrick Wildermann

Weitere Aufführungen am 13., 15.-17., 26.-29. 1., 20 Uhr

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