• Die Vereinigung der Rundfunkorchester und Chöre kann überleben - wenn sie Prioritäten setzt

Kultur : Die Vereinigung der Rundfunkorchester und Chöre kann überleben - wenn sie Prioritäten setzt

Frederik Hanssen

Wenn man beim Deutschen Symphonie-Orchester anruft und von der freundlichen Sekretärin zum Orchesterdirektor durchgestellt wird, hört man eine piepsige Synthesizer-Melodie: "Hang down your head, Tom Dooley". Dabei hat gerade das DSO gar keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Schließlich hat man mit Kent Nagano neben dem künftigen Philharmoniker-Chef Simon Rattle einen der großen Hoffnungsträger der Berliner Musikszene unter Vertrag. Kent Nagano hat dem Orchester, das seit dem überraschenden Abgang seines letzten Chefs Vladimir Ashkenazy eine künstlerische Talsohle durchschreitet, die Zukunft gerettet. Darüber können sich allerdings nicht alle freuen: Die Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin beobachten den Rummel um Nagano mit gemischten Gefühlen. Denn die blendenden Aussichten für das DSO werfen einen Schatten auf ihre eigene Zukunft. So interpretieren sie zumindest den Plan, das RSB von 114 auf 85 Planstellen zu reduzieren.

Um diesen Gedankengang zu verstehen, muss man wissen, das beide Orchester gewissermaßen Brüder sind. Zusammen mit dem RIAS-Kammerchor, dem Rundfunkchor und der RIAS Big Band gehören sie zur ROC-Familie, einem Zusammenschluss, der 1994 aus den Rundfunkorchestern und -chören der Ost- und West-Berliner Staatssender geschmiedet wurde. Und wie immer, wenn es in einer Familie darum geht, etwas Heißgeliebtes unter diversen Sprösslingen aufzuteilen, wittert jeder Ungleichbehandlung. Vor allem, wenn es um Geld geht. Genau 56 Millionen Mark zahlen die ROC-Gesellschafter DeutschlandRadio (35 Prozent), SFB (fünf Prozent), Berlin (20 Prozent) und Bund (40 Prozent) bis 2005 jährlich. Weil aber die Betriebskosten für die rund 380 ROC-Mitarbeiter nicht ebenso eingefroren werden können, wie die Subventionen, musste sich ROC-Intendant Dieter Rexroth überlegen, wie er seine Schutzbefohlenen auch künftig versorgen kann. Eines war ihm klar: Durch verschleppte Reformen einen Defizit-Crash zu provozieren, wie derzeit in der Berliner Kulturszene, kam nicht in Frage. Also zündete er mit der entspannten Lässigkeit eines Cowboys im Sprengstofflager ein Streichholz an.

Der promovierte Musikwissenschaftler mit dem bescheidenen Auftreten wagte sich an das, wovor jeder Berliner Kultursenator bislang zurückschreckte: klare Prioritäten zu setzen und tiefgreifende Reformen anzugehen. Ohne Rücksicht auf die ungeschriebenen Gesetzte von Gleichbehandlung und Ost-West-Proporz empfahl Rexroth seinen Gesellschaftern, die beiden Orchester mit identischen Profilen und Zielgruppen nicht "gerecht" Schritt für Schritt parallel kaputtzusparen, sondern das RSB mit verkleinerter Mannschaft auf einen neuen künstlerischen Kurs einzuschwören.

Löste dieser erste Streich vor allem bei den Betroffenen Protest aus, stieß Rexroths zweiter Vorschlag auch in der Presse auf erschreckte Reaktionen: Die Planstellen des weltberühmten RIAS-Kammerchores von 35 auf 24 zu reduzieren, das ging dann wohl doch zu weit. Doch was Chordirektor Frank Druschel im Tagesspiegel-Interview am gestrigen Dienstag verschwieg, war, dass Rexroths Idee einen zweiten Teil hat: Die Stellen sollen nämlich nicht komplett wegfallen, sondern lediglich nicht mehr auf der Basis "lebenslanger" Verträge wiederbesetzt werden. Statt dessen möchte Rexroth Sänger mit Zeitverträgen verpflichten und zudem eine Nachwuchs-Akademie für junge Profis gründen. "Wir müssen endlich aufhören, uns die Programmplanung von den Voraussetzungen der Institutionen diktieren zu lassen", erklärt Rexroth, "nach dem Motto: Was lässt sich mit dem vorhandenen Personal realisieren? Die Komponisten, die die Kunst voran gebracht haben, sind immer den umgekehrten Weg gegangen. Wenn wir zeitgenössischer Musik eine wirkliche Chance geben wollen, müssen wir so flexibel werden, dass wir uns jedem Werk anpassen können."

Die Argumentation ist zwingend, gerade wenn man auch auf die anderen ROC-Mitglieder blickt. Eine Formation wie die RIAS Big Band - an der vor allem die älteren Herren aus dem westberliner Milieu im Gesellschaftergremium hängen - muss Beobachtern von außen wie ein Witz vorkommen: Dass sich Berlin eine Jazz-Combo mit fest angestellten Musikern leistet, kann eigentlich nicht wahr sein in einem Genre, das nur dann lebt, wenn ununterbrochen neue Künstler mit unterschiedlichem stilistischen Background aufeinander treffen.

Trotzdem erscheinen Rexroths Ideen revolutionär - weil sie den Musikerberuf wieder als Berufung begreifen, als einen Job, den man nicht nach zeitlich festgeschriebenen "Diensten" abrechnen kann. Natürlich wird die Arbeit härter, wenn man sich über projektgebundene Werkverträge durch sein Musikerleben hangeln muss. Trotzdem will niemand die Künstler zurück an den Bedienstetentisch zwingen, wo sie bis ins 19. Jahrhundert mit dem Küchenpersonal speisen durften. Es reicht schon, wenn sich alle wieder an Arnold Schönbergs klugen Satz erinnern, der in den fetten Jahren der Bundesrepublik in Vergessenheit geraten ist: "Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen."

Die Kulturszene braucht Vordenker wie Dieter Rexroth dringender denn je. Allerdings muss man schon mindestens ein Klon aus Napoleon, Harald Schmidt und August Everding sein, um solche Ideen auch durchsetzen zu können. Leider ist Rexroth weder von eisernem Ehrgeiz geschüttelt, noch liebt er es, sich selber beim Reden zuzuhören. Und auch Charme als Überzeugungsargument einzusetzen, ist seine Sache eher nicht. Wenn Rexroth spricht, spricht er leise - und augenscheinlich nicht immer mit den Leuten, die er als erstes von seinen Plänen überzeugen müsste. Hier braucht er dringend die Rückendeckung seiner Gesellschafter, die bis Ende April über seine Reformvorschläge entscheiden müssen. Und auch die DSO-Geschäftsstelle sollte "Tom Dooley" schnellstens aus ihrer Warteschleife verbannen. Wir empfehlen als Ersatz einen guten alten NDW-Hit vor: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht: Es geht voran!"

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