Kultur : Die Vergrößerung der Welt

„Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift in einer herausragenden neuen Übersetzung

Steffen Richter

Einige der größten Bücher der Weltliteratur teilen ein gemeinsames Schicksal. Herman Melvilles „Moby Dick“ gehört dazu, Daniel Defoes "Robinson Crusoe" oder Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“: Aufs abenteuerliche Skelett gebracht und sprachlich auf Jugendbuchbedürfnisse gestutzt, kursieren sie in zahllosen populären Ausgaben. Einzelne ihrer Bilder haben sich eingebrannt. Bei Swift etwa ist es die Szene, in der Gulliver bei den Liliputanern eine ganze Flotte von Kriegsschiffen über den Kanal zieht. Weit weniger präsent aber sind der weise König von Brobdingnag, die fliegende Insel Laputa oder die klugen und tugendhaften Houyhnhnms.

Den ganzen Gulliver in bestechender sprachlicher Form gibt es nun in einer Neuübersetzung zu bewundern. Und zwar – wie es seinem literarischen Gewicht gebührt – in einer großformatigen illustrierten Prachtausgabe. Schon bei ihrem Erscheinen 1726 waren die „Reisen zu etlichen fernen Völkern der Welt in vier Teilen von Lemuel Gulliver vormals Schiffsarzt, alsdann Kapitän auf mehreren Schiffen“ ein großer Erfolg. Das mag mit ihren Qualitäten als Schlüsselroman zusammenhängen. Denn so weit Gulliver auch reist – er tut es nur, um das England König Georgs I. (1714-1727) genauer zu betrachten. Bis in einzelne Personalien hinein sind die Auseinandersetzungen zwischen Whigs und Tories klar zu dechiffrieren, ebenso wie religiöse Streitigkeiten zwischen Protestanten und Katholiken oder der britische Dauerzwist mit Frankreich. Hier spricht Swift, der aus Dublin stammende Geistliche und gescheiterte Politiker. Dank des so knappen wie informativen Anmerkungsapparats lässt sich der historische Kontext in der Neuausgabe gut in groben Zügen nachvollziehen.

Dass der Bestseller aber zum internationalen Longseller wurde, hat sicherlich in Swifts satirischem Genie seinen Grund. Aufs Liliputaner-Puppenstubenformat reduziert und kräftig überzeichnet, erscheinen die heimischen Querelen einfach lächerlich. Als Gulliver bei den Riesen in Brobdingnag strandet – und nicht mehr zwölfmal größer, sondern zwölfmal kleiner als seine Gastgeber ist –, wird seine Nichtigkeit augenfällig. Die dritte Reise führt zur fliegenden Insel Laputa mit ihrer mathematisch und musikalisch höchst beschlagenen, ansonsten aber außergewöhnlich tumben Oberschicht und in die Hauptstadt Lagoda mit der schrulligen „Akademie der Projektmacher“. Hier ist es die Wissenschaftsgläubigkeit und besonders die 1660 gegründete Royal Society, die Swift mit spitzer Feder karikiert.

Ihren Höhepunkt erreicht die Kritik mit Gullivers vierter Reise ins Land der Houyhnhnms, der klugen Pferde. Nicht mehr nur England, die gesamte menschliche Gattung steht nun zur Disposition. Und es ist wahrlich niederschmetternd, wenn Gulliver vor seinen fassungslosen Gastgebern mit ihrem tadellos eingerichteten Staatswesen die Grundlagen der europäischen Barbarei offenbaren muss – von einem fadenscheinigen Rechtssystem über die Schattenseiten der Geldwirtschaft bis zu blutigen Kriegen. Natürlich ist es bei allen Reisen das Prinzip der Umkehrung und der relativierende Blick aufs Eigene, der die dauerhafte Attraktivität des Swiftschen Erzähluniversums ausmacht.

Neben einer misanthropischen Bestandsaufnahme der Gattung und einer geharnischten Polit-Satire ist der „Gulliver“ aber noch viel mehr. Dass etliche seiner ersten Leser den Authentizitätsbeteuerungen des gewieften Autors auf den Leim gingen, sagt auch etwas über die zeitgenössische Bereitschaft, Wunderbares ins Weltbild zu integrieren. Freilich ist der „Gulliver“ eine literarische Utopie – alle Länder, die er bereist, sind unzugängliche Inseln, ganz wie Morus’ „Utopia“. Seit der Erstausgabe sind diese (fiktiven) Inseln auf Karten, die eine entregelte Topographie abbilden, getreulich verzeichnet. Dass sie dennoch Glaubwürdigkeit vorgaukeln konnten, hat auch mit den realen geographischen Entdeckungen des Swiftschen Zeitalters zu tun. Denn die hatten die bewohnbare Welt nicht nur erweitert, sondern auch vielgestaltiger, unsicherer und unübersichtlicher gemacht und damit Platz für weiße Flecken geschaffen. Diese gilt es nun mit den zeitüblichen kolonialen Praktiken zu besetzen. Deswegen räsoniert Gulliver über Vor- und Nachteile der Inbesitznahme der Inseln durch die britische Krone. Er selbst aber ist nichts anderes als ein Kolonisator, wenn er Glasperlen und anderen Tand zum Tausch anbieten will – und erfährt Auswirkungen der Kolonisation am eigenen Leib: Bei den Liliputanern und auf Laputa wird er vermessen wie ein neu entdeckter Kontinent, in Brobdingnag soll er wegen seiner Winzigkeit als Kuriosität verkauft werden.

Für ihre Neuübersetzung ist Christa Schuenke einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Anstatt den Text dem heutigen Sprachduktus anzupassen, hat sie ihn in einem Akt von Sprachmimikry in seinen "Originalzustand" zurückversetzt. Sie hat zeitgenössische deutsche Literatur befragt und den „Gulliver“ mittels historisch angemessener syntaktischer Konstruktionen und des entsprechenden Vokabulars einem "Alterungsverfahren" unterzogen. In älteren Übersetzungen heißt es, „am 16. Juni 1703“ habe „ein Schiffsjunge vom Toppmast aus Land entdeckt“, auf dem man "weder Flüsse noch Quellen, noch irgendeine Spur von Menschen" sah. Bei Schuenke war es „am 16. Tage des Juni anno 1703“, da „erspähte ein Schiffsjunge in der Marsstenge Land“, wo jedoch „weder Fluß noch Quelle, noch irgendeine Spur von etwelchen Bewohnern“ zu finden war. Der Gewinn an rhythmischen Qualitäten ist unübersehbar. Und der Sprachstand des frühen 18. Jahrhunderts klingt so ungemein frisch, dass der alte-neue deutsche „Gulliver“ ganz außerordentlich funkelt.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Mit 16 Illustrationen von Anton Christian. Manesse Verlag Zürich 2006. 320 S., 79,90 €.

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