Kultur : Die Vernunft ist mehr als unser Gängelwagen

Er begründete die Existenz des Menschen. Gedanken zur Gegenwärtigkeit Immanuel Kants – 200 Jahre nach seinem Tod / Von Volker Gerhardt

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Die Bedeutung eines Philosophen bemisst sich nicht nach einer einzelnen Leistung. Auch eine Summe eminenter Einsichten reicht nicht aus, um seinen Ruhm zu begründen. Der große Philosoph gibt viel zu denken, denn sein Werk enthält stets mehr, als ein Leser, eine Schule oder ein Zeitalter in ihm finden.

Lange Zeit galt Immanuel Kant als der philosophische Statthalter der Newtonschen Physik. Tatsächlich zieht er die metaphysischen Konsequenzen aus der Mechanisierung des Himmels, macht das menschliche Subjekt zum Urheber seiner Erkenntnis, proklamiert die moralische Autonomie der Person, gründet den Staat auf das Menschenrecht und die Frage von Krieg und Frieden auf das Völkerrecht, er befreit das ästhetische Urteil von der Vormundschaft durch Kognition und Konvention. Und da er sowohl bei der Erklärung der Welt wie auch bei der Begründung der Moral ohne die Berufung auf einen Gott auskommt, ist er Vordenker einer säkularen Moderne, mit deren Realisierung wir bis heute beschäftigt sind.

Alles dies stellt Kant unter den epochalen Titel der „Vernunftkritik“. Das Wort hat seinen Zauber bis heute nicht verloren. In der „Kritik“ liegt die belebende Kälte eines nur auf sachliche Unterscheidungen achtenden Engagements, dessen ungewisse Folgen durch die Prinzipienfestigkeit der „Vernunft“ gemildert werden.

Dieser Doppelcharakter erklärt, warum Kant bei seinen ersten Lesern gleichermaßen existenzielle Verunsicherung und revolutionäre Begeisterung auslösen konnte. Der „Alleszermalmer“ raubte den einen die tradierten Sicherheiten und schenkte den anderen feste Grundsätze für die Zukunft. Und als sich die erste Aufregung über den von Kant geführten Beweis für die Unbeweisbarkeit der Existenz Gottes gelegt hatte, wusste jeder, dass beide Leistungen zusammengehören.

Es gibt auch heute keinen Anlass, an diesem Vermächtnis Kants zu zweifeln. Im Gegenteil: Manches sehen wir schärfer: Kant ist viel stärker von der Individualität der Person ausgegangen, als das Schlagwort vom „preußischen Staatsdenker“ oder das gängige Verständnis des „kategorischen Imperativs“ vermuten lassen. Das moralische Gesetz gibt es nur in der „Brust“ des einzelnen Menschen, und alle Gesetze der praktischen Vernunft können lediglich auf subjektive „Maximen“ bezogen sein. Dadurch erhält bereits der Anspruch auf Autonomie einen existenziellen Charakter. Kant ist Kierkegaard, Nietzsche und Sartre näher, als deren Anhänger glauben.

Mit der Sensibilisierung für ökologische Fragen tritt die Radikalität in Kants unbedingter Auszeichnung der Vernunft mit geradezu verletzender Deutlichkeit hervor: Die Natur als solche ist, wie er sagt, „nichts wert“. Der Mond oder die Erde haben, für sich genommen, gar keine Bedeutung. Eine Bedeutung, die sich verstehen, oder ein Wert, nach dem sich handeln lässt, kommt nur durch die Vernunft in die Welt. Also gebührt ihr die Priorität. Da sie es ist, die es allererst ermöglicht, einen Sinn zu haben oder zu verstehen, liegt sie aller Sinngebung voraus.

Dieser „Primat“ der praktischen Vernunft steht auch hinter der Aufwertung der menschlichen Würde zum alles andere überbietenden Wert. Das wird von vielen vergessen, die sich in biopolitischen Debatten gern auf Kants Auszeichnung der Person berufen, aber zugleich das Naturrecht des heiligen Thomas oder den Seinsvorrang aus Heideggers Provinz bewahren möchten. Eines geht nur. Wer sich an Kant halten will, der muss die unbedingte Verantwortung des Menschen auf sich nehmen. Und er hat als Individuum die ganze Last der Rationalität zu tragen – eine Last, die sich angesichts der Vielfalt der Kulturen noch erhöht.

Schon vor Kants Tod wurde darum gestritten, ob der Mensch dem Anspruch seiner eigenen Vernunft gerecht werden kann. Seit Hamann und Herder werden Entlastungsangebote gemacht, die der Vernunft bei ihrer geschichtlichen Aufgabe helfen sollen. Sie werden seitdem in schöner Regelmäßigkeit erneuert: Die Sprache, die Geschichte, die Gesellschaft oder die Religion werden als Beistandsmächte ins Spiel gebracht – von den Versuchen, die Vernunft zu ersetzen, ganz zu schweigen.

Wie nachhaltig diese Bemühungen sind, zeigt der Erfolg der Diskurstheorie, die der Vernunft durch ein Verfahren zu Hilfe kommen möchte. Nach dem Modell rationalen Verhandelns (dem das schon zu Grunde liegt, was es begründen soll) wird eine Technik in Anschlag gebracht, um das vermeintliche Defizit der reinen Vernunft zu beheben. Kant, für den der Verstand ohnehin nichts anderes als ein „diskursives Vermögen“ ist, hat allerdings schon einen Begriff für das Gestell, in das ihn die soziologische Nachbesserung zwängen will: Er spricht vom „Gängelwagen“ der Vernunft.

Wer genau liest und selber denkt, hat solche Prothesen nicht nötig. Kant hat mit dem größten argumentativen und rhetorischen Aufwand deutlich gemacht, dass wir die Vernunft nur als eine Fähigkeit des Menschen kennen. Mit ihm hat sie Teil an der Natur, die bereits in ihrer kosmologischen Verfassung, erst recht in ihren lebendigen Vollzügen eine Geschichte hat. Aus ihr tritt der Mensch niemals heraus; in ihr tritt er lediglich hervor, um sich, durch seine „ungesellige Geselligkeit“ genötigt, eine soziokulturelle Lebenssphäre zu schaffen.

Über die Freiheit wird derzeit wieder viel gestritten, und durch nichts wird sie besser bewiesen als durch die Tatsache eines solchen Streits. Denn wie die Vernunft zeigt sich die Freiheit nur in konkreten menschlichen Vollzügen, in denen ein Individuum sich und seine Welt versteht.

Freiheit findet ihre Grenze nur an der Freiheit Anderer, nicht aber an der Natur, erst recht nicht am Gehirn des Menschen. Alles, was Kant zur Begründung und Begrenzung des Wissens, zur Vergewisserung von Moral und Recht oder zum Verständnis des Schönen sagt, beruht auf dem Verständnis der Freiheit als dem ursprünglichen Ausdruck der Lebendigkeit des Individuums im Verhältnis zu seinesgleichen. Als natürliche Äußerung ist sie dennoch eine Leistung der Vernunft, weil sie uns erst die Begriffe des Selbst und der Person, der Handlung und des Zwecks, aber auch der Welt und ihrer Ereignisse zur Verfügung stellt.

Beim Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert war viel von einem naturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel die Rede. Die Physik, so hieß es, habe ihre Funktion als Leitwissenschaft an die Biologie abgegeben. Wie angebracht eine solche Wende ist, mag man daran ermessen, dass sie philosophisch schon im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert erfolgte. Schon der Student Immanuel Kant hatte sie 1746 mit seiner Schrift über die „Wahre Schätzung der lebendigen Kräfte“ im Blick.

Kant hat sein Leben lang an der Überwindung der rein mechanischen Naturauffassung gearbeitet hatte. Newton, den er als Forscher von einsamer Größe verehrte, genügte ihm nie. Er wollte die Bedingungen der physikalischen Welterkenntnis aufdecken, um an ihnen Reichweite und Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit offenzulegen.

Den Weg ebnet sich Kant mit seiner „kopernikanischen“ Wende zum Menschen als dem Träger aller Erkenntnis. Er gelangt zu der grundstürzenden Einsicht, dass der Mensch nur das von der Welt begreift, was zu seiner Umwelt gehört. Hätte Kant schon den Begriff der „Umwelt“ zur Verfügung gehabt, wäre seine so viel Unverständnis hervorrufende Unterscheidung zwischen „Dingen an sich“ und „Erscheinung“ auf weniger Widerstand gestoßen.

In der Fundierung der Praxis allein durch den Willen, der jeder Zwecksetzung vorausgeht, vollzieht Kant einen weiteren Schritt. Der nächste erfolgt in seiner ingeniösen, bis heute zu wenig beachteten Theorie des Lebens. Hier wird der Übergang von der mechanischen zur dynamischen Naturtheorie ausdrücklich zum Thema: Alles Lebendige ist ein Fall von individueller Selbstorganisation im Prozess einer sich in und durch die Individuen vermehrenden Gattung. So liegt auch der Theorie des Lebens die Selbsterfahrung der menschlichen Freiheit zu Grunde.

Kants bedeutendste philosophische Leistung liegt in der Begründung der menschlichen Freiheit, die ihren Ausdruck in der Moralität des einzelnen Menschen findet. Die wiederum zeigt sich darin, dass der Mensch sich und seinesgleichen ein Beispiel zu geben hat. Wir haben die „Menschheit in unserer Person“ zu wahren. Wenn dies nicht unser Geheimnis bleiben, sondern in unserem Handeln hervortreten soll, dann ist jede moralische Tat ein exemplarischer Akt.

Auch wenn der Mensch in einem moralischen Konflikt ganz allein auf sich gestellt ist, sieht er sich doch in einem Universum, in dem er von seinesgleichen wahrgenommen und in möglichst bester Verfassung erkannt werden möchte. Hier möchte er allgemein geachtet werden. Da aber niemand anderes exakt die gleiche Stellung einnimmt wie er, vermag er seinesgleichen tatsächlich nur ein Beispiel geben. Dabei ist, wie Kant sagt, die wichtigste Tugend die der „Wahrhaftigkeit“.

Als „wirklich“ gilt Kant nur, was „in den Sinnen“ ist. Damit können theoretisch die Sinne aller lebendigen Wesen gemeint sein. Im Ernst aber kann nur von den Sinnen des Menschen die Rede sein. Der Mensch muss physisch, emotional und intellektuell präsent sein, um überhaupt etwas über die Wirklichkeit aussagen zu können.

Das erscheint trivial. Achten wir aber auf die Jahrtausende alten metaphysischen Prämissen der Welt- und Selbsterkenntnis, verliert sich das Triviale der Einsicht in die Prämisse der menschlichen Existenz sehr schnell. Denn in der Tradition der Metaphysik war jeder menschlichen Erkenntnis, sofern sie auf Wahrheit Anspruch erheben konnte, die Existenz Gottes vorgeschaltet.

Davon kann nach Kants Destruktion der Gottesbeweise keine Rede mehr sein. Die augenblickliche Folge ist, dass die Existenz des Menschen in den begründungstheoretischen Vordergrund rückt. Der metaphysische Primat der göttlichen Existenz geht in den nicht nur praktischen, sondern auch theoretischen Primat der Existenz des Menschen über: Wir haben in allem, was immer wir über die Welt und uns selbst ausmachen können, von uns selber auszugehen.

Durch die Destruktion der Gottesbeweise scheint Kant die Philosophie in eine unüberbrückbare Distanz zum Glauben gerückt zu haben. Angesichts der ungebrochenen Präsenz des Glaubens lohnt es darüber nachzudenken, warum der in religiösen Dingen so freie und mutige Kant, sich genötigt sah, doch das „Postulat“ von der Existenz Gottes einzuführen. Rücksichten auf seine Zeitgenossen scheiden aus.

Nach Kant wird das Postulat von der Existenz Gottes benötigt, um dem Menschen wenigstens die Hoffnung auf einen guten Ausgang seiner vernünftigen Bemühungen zu geben. Das geschieht aber nicht im Interesse einer spekulativen Erlösung des Menschen am Ende aller Zeiten. Der primäre, der praktische Sinn des Postulats zielt auf Gelassenheit im Dasein: Der Mensch, der sich zwar viel denken und noch mehr vorzustellen vermag, tatsächlich aber nur wenig erreichen kann, soll sich mit seinen begrenzten Kräften zufrieden geben können, ohne an seiner Vernunft irre zu werden. Gott wird benötigt, um dem Leben eine humane Perspektive zu bewahren.

Aber: Ein sicheres Wissen gibt es davon nicht. An Gott kann man bestenfalls glauben. Der Glaube ist der Glücksfall des tätigen Menschen. Auch diese Einsicht Kants ist bis heute noch nicht recht verstanden.

Der Autor lehrt Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität. Er spricht heute bei einer Feier in Königsberg (Kaliningrad) in der von Außenminister Joschka Fischer geleiteten deutschen Delegation die Gedenkrede für Kant.

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