Kultur : Die versäumte Versöhnung

Eine innere Front und die Gefahren der Zersplitterung: Warum die Hisbollah den Libanon in Schach halten kann

Jacques Naoum

„Unser Land wird systematisch vernichtet, dank der einseitigen Aktionen der Hisbollah“, klagt Adel, ein Mechaniker aus Beirut. „Das wird den Schuldenberg um weitere 40 Milliarden Dollar erhöhen, und die Hisbollah hat uns das eingebrockt. Nicht zu vergessen die Hunderte von Toten! Der Libanon gehört nicht Hisbollah, warum gehen sie nicht nach Syrien, das sie geschaffen hat?“ Auch die 40-jährige Christin Nada bereut ihre frühere Unterstützung der Hisbollah: „Ich hielt sie immer für eine integre, korrekte Organisation, jetzt nicht mehr. Siehst du, wie Scheich Nasrallah spricht? Wie ein gottbefohlener Herrscher!“

Auf der islamischen und speziell der schiitischen Seite kann die Hisbollah hingegen enthusiastische Zustimmung verbuchen. „Endlich haben wir unsere Würde wiedererrungen“, ruft der 60-jährige Yussef aus dem Südlibanon vor seiner Werkstatt, „die uns die arabischen Diktatoren und US-Agenten wie Mubarak und König Abdallah weggenommen haben.“ Und der Zeitungskolumnist A. Schauer schreibt: „Oh arabische, oh islamische Nation! Die Herrscher Saudi-Arabiens und Ägyptens sind voller Angst vor dem wachsenden Volkswiderstand, was nur allzu gut ihren politischen Bankrott beweist.“ Libanon, ein gespaltenes Land.

Laut Umfrage genießt die Hisbollah die Zustimmung von 40 Prozent der Bevölkerung, vor allem im islamischen Süden. Mit Abgeordneten, Ministern und einem weit gespannten sozialen Netzwerk hat sich die „Partei Gottes“ zu einer straffen Organisation entwickelt, mit eigener Finanzierung, einer Jugendorganisation, einer Armee und praktisch eigenem Territorium im Süden des Libanon, in dem sie mit der merklich schwachen schiitischen Miliz der Amal-Bewegung des Parlamentspräsidenten Nabih Barri das Sagen hat.

Das Gebilde Hisbollah ist ohne das besondere gesellschaftspolitische System der Taifiya, des Konfessionalismus im Libanon nicht denkbar. Seine Geschichte ist älter als die Hisbollah und als die junge Nation, die 1943 ihre Unabhängigkeit errungen hatte. Sie beginnt in der Zeit, als die erste Kolonialmacht – das Ottomanische Reich – auf Druck der damaligen europäischen Großmächte (Frankreich, Großbritannien und Russland) 1847 einwilligt, christliche Gouverneure in den Provinzen mit christlicher Mehrheit zu ernennen. Die Taifiya war geboren und hat sich im Grunde bis heute nicht verändert.

Im Taifiya-System ist die Verteilung der Konfessionszugehörigkeit in der Gesellschaft ausschlaggebend für die politische Ämterverteilung, die nach einem fragilen Proporzsystem geregelt ist. Außerdem bestehen neben den Zivilgerichten, die das französische Recht übernommen haben, konfessionelle Gerichte, deren Entscheidungen aber durch erstere anerkannt werden müssen.

Die Befürworter des Konfessionalismus wie Michael Shleiha in den dreißiger und vierziger Jahren oder später der Literat S. Akel und der Akademiker al Haj meinten, dass die Teilung der politischen Macht nach Konfessionen der einzige Weg sei, einen funktionierenden multikulturellen Pluralismus zu schaffen. Nur er könne den Libanon vor den üblen Erfahrungen jener Nachbarstaaten bewahren, in denen Einheitsparteien zu monolithischen Eckpfeilern ihrer Gesellschaften wurden. Putsche und Gegenputsche in der gesamten Region seien beste Beispiele dieses politischen Abenteuertums, das zu nichts geführt hätte. Mit Recht kontert der libanesische Soziologe Mounir Ismail, dass das Taifiya-System in den vergangenen sechzig Jahren dennoch vier Mal zum Aufruhr geführt hat: 1952, 1958, 1968 und zum blutigsten Aufruhr, der von 1975 bis 1990 währte.

Fest steht, dass der Konfessionalismus die Wirkung des Staates als alleinige politische Institution schwächt, wenn nicht gar ausschaltet, indem er ihn auf die Rolle eines Vermittlers zwischen den Konfessionen reduziert. Durch die konfessionelle Bindung der Mandate wird jegliche Bildung eines gesamtlibanesischen Nationalbewusstseins verhindert. Dem Historiker Abdel Raouf Sinno zufolge ist das Land heute, 16 Jahre nach Beendigung des mörderischsten aller Bürgerkriege Libanons und 17 Jahre nach Abschluss des „Konkordats von Taef“ zwischen Christen und Moslems so geteilt wie nie zuvor. Dabei hatte das Konkordat gerade den Abbau des Taifiya-Systems, die Dezentralisierung des Staatsapparates und das Errichten von zivilen Institutionen vorgesehen. Christen und Moslems, die beiden großen Konfessionen, leben wie in Schützengräben nebeneinander. Die äußerlichen Unterschiede werden durch die Welle islamistischen Frömmigkeitsdrangs noch verstärkt, und die Kommunikation bleibt eher Formsache. Zwar einigten sich Christen und Moslems lange vor Abzug der Syrer auf die Berufung eines Komitees zur Aufhebung des politisch-sozialen Konfessionalismus, um das Patt zu beenden. Bis heute ist jedoch nichts dergleichen geschehen.

Dasselbe Schicksal ereilte nach der Ermordung von Ex-Premierminister al-Hariri und dem Abzug der syrischen Truppen das von der Regierung einberufene „Versöhnungskomitee aller Libanesen“. Die jetzige Auseinandersetzung zwischen Hisbollah und Israel setzt auch ihr ein vorläufiges Ende.

Das gegenwärtige politische Bild im Libanon ist konfus. Präsident Emil Lahoud gelang es durch syrische Unterstützung, sein Mandat – verfassungswidrig – um drei Jahre zu verlängern, die Regierung verfolgt einen mehr oder weniger antisyrischen Kurs. Die beiden Hisbollah-Minister nehmen ihre Anweisungen ausschließlich von der Parteizentrale entgegen und paktieren mal mit diesem, mal mit jenem. Und der konsequent antisyrische Drusenführer Walid Jumblat sitzt zwischen den Stühlen. Eine schwache Regierung, zum Nichthandeln verurteilt, betreibt mit der verbalen Unterstützung der Hisbollah eine Art Appeasement-Politik, während das Volk Angst vor einer Neuauflage des Krieges von 1975 hat.

Im Libanon gab es immer dann Bürgerkrieg, wenn der äußere Druck das fragile interkonfessionelle Gewebe im Inneren zum Bersten brachte. Wäre es der Regierung in Beirut nach 1990 gelungen, ein gesamtlibanesisches nationales Bewusstsein zu schaffen, würde das Land jetzt vielleicht kein blutiges Chaos erleben.

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