Kultur : Die Versuche, sich aus dem Abseits in die Kulturdebatte zu katapultieren

Knut Ebeling

Es ist wohl das Bedürfnis nach Klärung, welches die Besucher am Vorabend des 1. Mai zahlreich wie schon lange nicht mehr in die Kunst-Werke in der Auguststraße strömen lässt, um sich nach den jüngsten Ereignissen in Berlins skandalumwittertstem Ausstellungshaus zu erkundigen. Papiere werden verteilt - man bemüht sich um Transparenz und Seriosität in einer verfahrenen Situation. Nachdem das Haus länger keine maßgebliche Ausstellung mehr kreiert hat und sein Leiter, Klaus Biesenbach, mehr auswärts auftrat als daheim, nachdem die nächste Berlin Biennale verschoben werden musste und die Vorwürfe gegen den desolaten Zustand seines verschuldeten Hauses sich bis hin zum "Subventionsbetrug" gesteigert haben - nach dieser Liste von Skandalen will man es sich nicht nehmen lassen, die Spekulationen mit einer großen Geste vom Tisch zu wischen.

Biesenbach hat also am späten Sonntagnachmittag in seine Kunst-Werke geladen, um sich gemeinsam mit Christof Schlingensief, Bazon Brock, Florian Illies und Stefan Heidenreich über einen Begriff zu verständigen, von dem nur die Börsianer schon einmal gehört hatten: Optionismus. In diesem Fall ist damit der schillernde Versuch gemeint, sich über aktuelle Korrespondenzen zwischen Kulturproduktion und Wirtschaftsmechanismen zu verständigen. Vorausgegangen war dem ein Aufruf des Kulturwissenschaftlers Stefan Heidenreich in den "Berliner Seiten" der "Frankfurter Allgemeinen", die Kulturschaffenden mögen sich über ihr Misstrauen zu den Neuen Medien hinwegsetzen. Was das nun mit "Optionismus" zu tun hat, ist schon nicht mehr genau auszumachen. Keine zwei Stunden nach Beginn der Veranstaltung ist der Begriff bereits so deformiert, dass derselbe Heidenreich vor nunmehr fast verschwundenem Publikum den Vorschlag macht, ihn doch besser ganz zu vergessen. Einzig der Medienhistoriker Wolfgang Ernst macht bei diesem Jahrmarkt der Peinlichkeiten eine gute Figur: Er hat den Optionismus, den er bereits seit Ludwig XIV. an der Macht sah, längst verworfen.

Eigentlich sollte es der Coup des Nachmittags sein, das vom Aktienboom erwärmte Wort als "heißen Begriff" (Michel Foucault) von der Börse in die Kultur zu holen und als neuen Slogan von den Kunst-Werken aus zu lancieren. Doch weil man übersehen hat, dass die Börse erstens keinen Diskurs führt, den man nach der Diskurstheorie Foucaults in die Kulturproduktion hätte übertragen können und zweitens die Beteiligten entweder von diesem konzeptuellen Rahmen keinen Schimmer haben oder von der Veranstaltung erst einen Abend zuvor informiert wurden, wie der Künstler Johannes Kahrs freimütig bekennt, floppt dieser Coup völlig. Das Podium leistet seinen Beitrag zum Desaster, indem es das bis dato unschuldige Wort durch sein verzweifeltes Tun am Ende auch noch seiner letzten Konturen beraubt. Der modische Begriff kaschiert zu diesem Zeitpunkt nur noch die abgedroschensten Verbaltribalismen.

Am Ende hört sich das Gespräch an wie eine unglückselige Karikatur der postmodernen Kunsttheorien der letzten Jahrzehnte, die nicht mehr als kontraproduktiv sein kann. So ist der Optionismus-Kongress nur das neueste Beispiel für den überaus fahrlässigen Umgang mit Inhalten im Hof der Kunst-Werke. Der gutgemeinte Versuch der Galerie, sich mittels einer Begriffslancierung wieder aus dem Abseits ins aktuelle Kunstgeschehen einzuschalten und einmal eine kunsttheoretische Debatte zu initiieren, landet in genau dem Abseits, aus dem er kam.

Anders gesagt: Klaus Biesenbach verspielt ein Renommée, das er nicht hat. Zudem macht der Abend deutlich, dass man mit Begrifflichkeiten im "Institut für zeitgenössische Kunst" nicht seriöser umgeht als eine Werbeagentur, die jeden Inhalt als Slogan verbrät. Während Florian Illies als Vertreter der Generation Golf die Sloganhaftigkeit von allem und jedem als literarisches Prinzip mit einem wissenschaftlichen Paradigma verwechselt und den Besuchern die Oberflächlichkeit des neuen literarischen Dandyismus partout als Wesen der Dinge verkaufen will, bedient man sich zynischerweise eben jener medialen Mechanik, die man kritisieren will und deren erstes Gesetz lautet: Jede Schlagzeile ist eine gute Schlagzeile. Bringe dich ins Gespräch, koste es, was es wolle!

Drei Tage später ein neuer Versuch, etwas Neues zu machen. Die Kunst-Werke hatten die drei Elektromusik-Combos Opiate, Mouse on Mars und To Rococo Rot aufgefordert, zu den Computeranimationen des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer Klangcollagen zu entwickeln. Auch dies ein gutgemeinter Versuch, sich die Zukunft der Kunst vorzustellen - und auch dies wenig geeignet, die Öffentlichkeit von der Ernsthaftigkeit der Bemühungen der Kunst-Werke zu überzeugen. Selbst, wenn man die Erweiterung des Kunstbegriffs zu den zeitgenössischen Popkulturen als Fortführung des seit der Berlin Biennale versuchten Crossovers begreift und den Kongress zum Tanzen bringen will, wirken die soften Sounds doch wie Sand, den man den Besuchern in die Augen streut, um sie zu vertrösten. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Kunst-Werke ein stringentes Konzept vorlegen können.Klangcollagen von Yves Netzhammer: bis 7.Mai, Auguststr.69, täglich 10-18 Uhr

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