Kultur : Die verzauberten Bilderstürmer

Lars Rudolph hat mit seiner Band Mariahilff Kleists Novelle „Die heilige Cäcilie“ höchst spannend in Töne gefasst.

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Multitalent. Lars Rudolph begann seine Karriere als Musiker und wurde in den Neunzigern als Schauspieler in Volksbühnen-Inszenierungen bekannt. Foto: Mike Wolff
Multitalent. Lars Rudolph begann seine Karriere als Musiker und wurde in den Neunzigern als Schauspieler in...

Wenn Lars Rudolph mit seiner markanten Stimme „Feuer und Tod“ ins Mikro raunt, klingt das erst mal wie ein psychedelischer Trip oder ein apokalyptisches Zeitgeistrequiem. Es ist aber – auch, wenn sich das wirklich gut tarnt – astreine Hochkultur. Rudolph hat mit seiner Band Mariahilff tatsächlich eine Novelle des Germanistenlieblings Heinrich von Kleist vertont: „Die heilige Cäcilie“ (Blue Pearls). Nicht das Erste, was man einem Künstler auf den Kopf zusagen würde, der mit der Gruppe „Ich schwitze nie“ auch schon mal „Seemannslieder verbraten“ hat.

Andererseits: „Bei Kleist geht es um die sanfte Gewalt der Musik, die im Prinzip fähig ist, Revolutionen niederzuschlagen“, erklärt der Sänger, Musiker und Schauspieler beim Kaffee im Kreuzberger Lokal Felix Austria. Und solche konzertanten Nebenwirkungen treffen schließlich das Mark seines Berufsstandes: In Kleists Ende des 16. Jahrhunderts angesiedelter Novelle brechen vier Brüder – begeistert vom damaligen Trendsport der Bilderstürmerei – mit Äxten zum Aachener Dom auf, um selbigen während einer Fronleichnamsfeier beherzt kurz und klein zu schlagen. Doch kaum heben die Nonnen mit dem „Gloria in excelsis“ an, lassen die Gebrüder willenlos die Waffen sinken und fallen einer religiösen Verzückung anheim, die sie geradewegs ins Irrenhaus führt. Dort sitzen die Jungs dann frohgemut bis ans Ende ihrer Tage und tun im Prinzip nichts anderes mehr, als permanent die besagte Hymne zu schmettern.

Fragt man Lars Rudolph eingedenk dieser Story eher scherzhaft nach der spektakulärsten Wirkung, die er selbst je mit seiner Musik ausgelöst hat, hält er plötzlich inne: Ein ziemlich seltener Moment für diesen unangestrengt schlagfertigen Menschen, der mit seiner Lust an Ironie eine wunderbare Gesprächslaune verbreitet. „Ich weiß gar nicht, ob ich das jetzt erzählen soll“, überlegt Rudolph und wagt sich schließlich aus der Deckung: Bei seinem ersten Theaterauftritt Ende der achtziger Jahre in der Freien Volksbühne – Rudolph war damals eher nebenberuflicher Bühnenmusiker, dem man eine kleine Sprechrolle anvertraut hatte – sollte er seinen Mini-Monolog mit einem überraschenden Trompetenstoß beenden. „Plötzlich sehe ich, wie in der dritten Reihe jemand zuckt und zusammensackt“, sagt er lakonisch. „Die Vorstellung musste unterbrochen und der Mann herausgetragen werden: Der war so erschrocken, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte und tatsächlich noch im Foyer verstarb.“ Seither schauten ihn die Kollegen in jeder Vorstellung mit einer Mischung aus Skepsis und Panik an, wenn er das Instrument Richtung Mund führte. „Aber ich konnte ja nichts dafür“, ruft Rudolph, „ich hatte ja überhaupt nichts gemacht!“

Was man ungeachtet dieses Vorfalls tatsächlich schwer bestreiten kann, ist Rudolphs außerordentliche Fähigkeit, mit minimalen Mitteln maximale Wirkungen hervorzurufen; und zwar völlig beiläufig. Da ist zum einen seine Stimme, die zwar für einen 46-Jährigen ungewöhnlich kindlich klingt, gleichzeitig aber mit einem von irgendwoher tief hineinlappenden Unterton alle vorschnellen Typisierungsversuche durchkreuzt. Hinzu kommt dieser vermeintliche Borderline-Appeal, die optische Nähe zu Klaus Kinski, die dem Künstler seit seinem Karrierestart notorisch nachgesagt wird. Kurzum: Rudolph ist jemand, der durch alle Raster fällt. Einer, der die konzentrierte Intensität in Béla Tarrs Film „Werckmeister Harmonien“ genauso atemberaubend beherrscht wie die genial-exaltierte Körperkomik, die ein Christoph Marthaler auf der Bühne erfordert.

Kein Wunder, dass es entsprechend schwierig ist, Rudolphs 2009 gegründete Band Mariahilff musikalisch auf den Punkt zu bringen – auch für den Künstler selbst. „Es ist irgendetwas Eigenes“, verweigert er jedweden Einengungsversuch, „was genau, weiß ich auch nicht.“ So gesehen liegt „Die heilige Cäcilie“ voll im Band-Trend: In ihrer Mischung aus Erzählpassagen und Sounds, die wiederum irgendwo zwischen Countrysong, Liturgie, Indierock, ein bisschen Kurt Weill und sehr spezieller Klangkunst-Avantgarde changieren, begründet diese Kleist-Vertonung ein ganz eigenes Genre.

Wer da an Klassiker-Dekonstruktion denkt, ist auf dem Holzweg. Unter sorgfältiger Beibehaltung des sprachmächtigen Kleist-Vokabulars schafft Rudolph, der den Text nicht nur intoniert, sondern auch bearbeitet hat, mit seinen Musikerkollegen das Kunststück, aus dieser über 200 Jahre alten Novelle völlig anstrengungsfrei Gegenwart atmen zu lassen. Und das, obwohl Rudolph auf der Bühne noch nie mit Kleist zu tun hatte, wie er wohltuend unprätentiös gesteht: „Mir waren diese Sätze, ehrlich gesagt, immer viel zu lang; ich bin da eingeschlafen“.

Die Cäcilien-Idee verdankt Rudolph der Regisseurin Miriam Sachs. „Die ist ein großer Fan unserer Männerkapelle und meinte, diese Bilderstürmer, die da nur noch dieses ,Gloria in excelsis’ in den Himmel stammeln, obwohl keiner von ihnen wirklich singen kann, seien wir“, lacht er. Und da habe sie natürlich „total recht“ gehabt. Und weil das Werk, das ursprünglich für ein von Sachs initiiertes Kleist-Festival entstand, einfach zu gut war, um es nach einmaliger Aufführung ad acta zu legen, wuchs es erst zum Hörspiel, dann zur CD. Jetzt sucht Rudolph nach einem Theater, das „Die heilige Cäcilie“ noch einmal als Liveperformance zeigen will.

Die Rolle des Bilderstürmers steht ihm tatsächlich gut: Schon seine Schauspiel- Biografie liest sich wie das Who’s Who der Theatererneuerer der Neunziger von Schlingensief über Marthaler zu Castorf. Ursprünglich kommt Lars Rudolph allerdings von der Musik. Bis heute schleicht er sich jeden Donnerstag in die Generalprobe der Philharmoniker. Vor Urzeiten hat er in Oldenburg vier Semester Musik studiert, auf Lehramt. Im Nachrückverfahren hatte er den letzten Platz gewonnen – per Los. Als er sich dann in seine Zwischenprüfung – Rudolph hatte seine Klasse auf afrikanische Polyrhythmen eingeschworen – derart hineinsteigerte, dass die Harthölzer in tausend Stücke zersprangen, deutete er das als Zeichen: Er, der sowieso niemals Lehrer hatte werden wollen, ging in die USA, spielte Free Jazz und experimentelle Musik, tourte mit US-Kollegen durch die DDR.

So lässig das beim Kaffeetrinken auch alles klingt: In der „Heiligen Cäcilie“ steckt jede Menge harte Band-Arbeit. „Wir machen das so, wie man das früher gemacht hat“, erklärt Rudolph: „Wir gehen aufs Land und leben da eine Weile zusammen, mit Solarzellen, Holzöfen und Sauna, ohne Netzzugang.“ An die zehn Mal im Jahr, immer ungefähr eine Woche lang in der Uckermark. In gewisser Weise betrachtet Lars Rudolph Kleist, diesen „Erforscher der Menschlichkeit in all ihrer Vielfalt und ihren Abgründen“, auch als „Alternative zu Millionen von Facebook- Freunden, die alle ihre Langeweile nicht ertragen können.“ Gut möglich, dass „Die Heilige Cäcilie“ zur Überlebensfähigkeit solcher Alternativen beiträgt.

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