Kultur : Die Verzehnfachung der Seele

Was den Kontinent zusammenhält: Die „Berliner Konferenz für Europäische Kulturpolitik“ befördert ein neues Denken

Bernhard Schulz

Der Wiener Politiker ist in Berlin wegen seiner zielorientierten, zugleich schlagfertigen Leitung der Schlossplatz-Kommission in bester Erinnerung. „In der Tat ist es gar nicht viel Neues, was wir erfinden müssten“, fasste Hannes Swoboda die Konferenz aus seiner Sicht zusammen.

Erfinden vielleicht nicht, aber neu und anders bedenken. Dazu lieferte die zweitägige Zusammenkunft „Europa eine Seele geben“, die am Wochenende in der Dresdner-Bank-Repräsentanz am Pariser Platz stattfand, bemerkenswerte Anstöße. Sie soll als „Berliner Konferenz für Europäische Kulturpolitik“ – so ihr Haupttitel – in die Annalen eingehen. Veranstaltet wurde sie von einer eigens gebildeten Institution – aber organisiert von zwei alten Netzwerkern des West-Berliner Kulturbetriebs, von Ex-Senator Volker Hassemer und der langjährigen Intendantin des Hebbel-Theaters, Nele Hertling.

Mit einer halben Million Euro von der Kulturstiftung des Bundes sowie Sachleistungen von Sponsoren finanziert, wäre sie nur ein weiterer in der unendlichen Reihe von Europa-Kongressen geblieben, hätten ihr nicht gleich drei politische Schwergewichte Bedeutung verliehen: Bundeskanzler Gerhard Schröder, Außenminister Joschka Fischer und der frisch gewählte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der der Konferenz die Ehre seines ersten Deutschland-Besuches im neuen Amt erwies. Was die drei sagten, hoffen die zahlreich vertretenen Kulturpolitiker Europas, insbesondere diejenigen der am 1.Mai hinzugekommenen Neu-Mitglieder, in politischen Einfluss und klingende Münze verwandeln zu können.

Die Litanei – und darauf spielte Swoboda an – ist uralt: Europa ist auf Kultur gegründet. Vom früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors stammt denn auch die schöne, französisch-überschwängliche Sentenz von der „Seele“. Nur gebracht hat es der Kultur auf europäischer Ebene nicht viel: sieben Cent pro Einwohner und Jahr. Das Ziel der Konferenzteilnehmer, hier und da in die Reden eingeflochten, lautet denn auch auf eine Verzehnfachung auf 70 Cent – trotz inzwischen 455 Millionen Bürgern als Berechnungsgrundlage immer noch ein Klacks angesichts der jmittlerweile 40Milliarden Euro für die Landwirtschaft.

Der Kanzler und sein Außenminister nutzen die Konferenz als Bühne zur Darlegung ihrer europapolitischen Strategie. Während sich Schröder staatsmännisch gibt und, streng am Redemanuskript entlang, die EU als säkulare Wertegemeinschaft umreißt, in der eine demokratisierte Türkei „als Vorbild für andere muslimische Länder in unserer Nachbarschaft“ ihren selbstverständlichen Platz finde, genießt Fischer sichtlich die freie Rede vor einem Publikum, vor dem er mal eben die großen Linien der Politik ausziehen kann. Allein der bisweilen verdächtig hessische Tonfall erinnert daran, dass die Höhen der Weltpolitik auch von ihm erst einmal erklommen werden mussten. Die „liberale Demokratie“ bilde das Wertefundament auf beiden Seiten des Atlantiks, sagt Fischer; dies sei „der Grundbestand nicht nur der europäischen, sondern der westlichen Seele“.

Während die beiden deutschen Spitzenpolitiker ihre Reden gewiss des Öfteren halten werden oder bereits gehalten haben, begibt sich Kommissionspräsident Barroso in eine Bringschuld, an die ihn die europäische Kulturwelt noch erinnern wird. Zwar als „persönliche Bemerkung“ getarnt, erklärte er dennoch in aller Deutlichkeit, in der „Hierarchie der Werte“ stünden „die kulturellen Werte über den ökonomischen“.

Da herrscht gespannte Ruhe im Atrium der Dresdner Bank, einem ansonsten eher mäßig geeigneten Konferenzort. Eine stählerne Wendeltreppe, eine gewaltige Pferdeskulptur und fünf dekorative Indoor-Bäume versperren manchen der über 200 Teilnehmer die Sicht, und im Hintergrund lockt ein Kaffeetisch zu unüberhörbarem Geplauder. Gibt’s in Berlin keine Konferenzsäle? Das schon, meint Organisator Hassemer, nur eben nicht am Brandenburger Tor, diesem Symbol der überwundenen Ost-West-Teilung. Schade, dass es im Raumschiff des Konferenzortes nicht zu sehen ist. Aber in den Reden der Ostmitteleuropäer taucht es als geistiger Bezugspunkt wiederholt auf.

Unschätzbar war die Anwesenheit der Vertreter aus den Neu-Mitgliedsstaaten. Die Selbstverständlichkeit, mit der der frühere rumänische Außenminister Andrei Plesu die Rolle der Kultur als Lebensgrundlage betonte, riss die Westler spürbar mit. Angetippt, aber nicht ausdiskutiert wurde dabei die Frage, die insbesondere die lettische Kulturministerin Heléna Demakova zuspitzte: die nach dem Verhältnis der nationalen Kultur samt Bewahrung ihrer Eigenheiten zu jenem großen Ganzen, das unablässig als „Kultur Europas“ beschworen wurde. Da war viel vom antik-jüdisch-christlichen Erbe die Rede, aber nie von dessen alltäglichen Erscheinungsformen. Steve Austen (Amsterdam) erinnerte daran, dass der Prozess der Loslösung vom Kommunismus in den Ländern Osteuropas stets mit der Wiederherstellung einer dezidiert nationalen Kultur einherging und -gehen musste. Immerhin – die Ankündigung einer „Europäischen Charta für Kultur“, die Kulturstaatsministerin Christina Weiss gemeinsam mit ihren Amtskollegen aus Frankreich und Polen aus dem Hut zog, belegte zumindest symbolisch die Überschreitung der immer noch anhaltenden geistigen Ost-West-Teilung.

Die europäische Seele lebt, darin zumindest waren sich alle einig: Sie lebt, so Plesu, „auf den Straßen von Kiew“. Einmal mehr bildet die Erfahrung des friedlichen Regimewechsels, der „samtenen Revolution“, den Bezugsrahmen für die europäische Kultur von Demokratie und Menschenrechten. Europa, so der Historiker Timothy Garton Ash in seinem brillanten Vortrag, brauche eine gemeinsame historische „Erzählung“. Das annus mirabilis 1989/90 hat sie vorformuliert.

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