Kultur : „Die viel zu große Stadt, die nur für mich nichts hat“

Elke Brauweiler und Mieze: Zwei Sängerinnen treffen den Nerv ihrer Zeit – und beleben mit ihren Bands den Traum vom Berlin-Pop wieder

Heiko Zwirner

Vor dem Café in Moabit fährt ein himmelblauer Porsche 911 gefährlich nah an den Poller. Ein Mann mit aufgepumptem Oberkörper steigt aus und öffnet seiner Beifahrerin die Tür. „Schreckliche Farbe“, sagt Elke Brauweiler. Sie rutscht auf dem Stuhl hin und her und rollt streng mit ihren Augen, die so groß und rund sind wie die Kastanien, die um uns herum von den Bäumen fallen. „Wenn man schon so ein Auto fährt, dann sollte es wenigstens rot oder weiß sein.“ Eigentlich ist es viel zu kalt, um draußen zu sitzen. Berend Intelmann hat den Reißverschluss seiner olivgrünen Winterjacke ganz nach oben gezogen, die Hände in den Taschen vergraben und das Kinn zwischen den Schultern versenkt. Nachdenklich schaut er dem Fahrer und seiner Begleitung hinterher.

Früher waren Elke und Berend mal ein Paar. Heute sind sie Paula. Das Café in der Elberfelder Straße ist nichts besonderes, aber in dieser Gegend gibt es sonst nicht viel außer ein paar Imbissbuden und Eckkneipen, die Filterkaffee und Herrengedecke servieren. Elke und Berend kommen ab und an zum Mittagessen her. Ihr Proberaum versteckt sich nicht weit von hier auf dem Gelände eines Obst- und Gemüsegroßhandels. Dort machen sie die in Berends Wohnzimmerstudio produzierten Songs des dritten Paula-Albums „Warum Berlin“ bühnenfertig für die anstehende Deutschlandtournee – flotte, beinahe hektische Elektropop-Songs, die trotzdem freundliche Melancholie verbreiten, von unerfüllten Träumen und vom Warten auf bessere Zeiten handeln und deshalb gemacht sind für Tage wie diesen, an dem sich der Himmel in 40 verschiedenen Grautönen über Berlin legt.

Elke ist Anfang 30. Als sie noch zur Schule ging, muss es ihren Verehrern schwer gefallen sein, sie anzusprechen, so unnahbar sitzt sie da. Hin und wieder bekommt sie auch heute zurückhaltende Liebesbriefe von jungen Männern, die sich in ihrer Musik für nachdenkliche Menschen wiederfinden.

Ortswechsel: Die DDR-Laternen werfen trübes Licht auf die Wolliner Straße. Die Gegend um die Arkonahöfe gehört nicht zu den glanzvollen Ecken von Mitte. Im Halbdunkel sieht es hier noch immer ein wenig nach Grenzabschnitt aus. Die weitläufgige zweite Etage, die man über Aufgang A erreicht, ist eine erstaunlich aufgeräumte Mischung aus Büro, Wohnung und Studio. Hinter der schweren Eingangstür hängt ein Sandsack, auf den schon mal kräftig eingeprügelt wird, wenn sich die Arbeit in dem kleinen, schallisolierten Aufnahmeraum dahinter quälend lange hinzieht.

Heute bleibt der Sandsack unberührt. Mieze sitzt zwischen Robert und Andi auf einem Sofa mit Tarnbezug. Unter ihrem Rock trägt die 23-Jährige ein Art Schlafanzughose, die sie in ihre Fransenlederstiefel gesteckt hat. Ihre Frisur sieht aus wie ein Unfall. Mieze ist die Sängerin von Mia – Robert und Andi spielen Gitarre. Die Zeitungen und Ulrich Wickert haben sich darauf geeinigt, dass Mia die Berliner Band der Stunde ist, weil ihre Mitglieder jung sind, frech aussehen, die richtigen Zitate verwenden und so wieder das Gefühl vermitteln, es gebe so etwas wie Berlin-Pop.

Alles an Mia schreit nach Aufbruch. Sogar das Cover ihrer Debüt-CD „Hieb- und Stichfest“ leuchtet, wenn man das Licht ausmacht. Eine erstklassige Live-Band sind sie außerdem. Über 150 Konzerte haben Mia in den letzten drei Jahren gegeben, besonders zielstrebig suchten sie eine Anbindung an die Clubszene. Mit ihrer Vehemenz schrieben sie sich selbst in Techno-Clubs in das Gedächtnis von Leuten ein, die schon lange keine verzerrten Gitarren mehr gehört hatten. Das war clever. So sind ihre Shows mittlerweile oft ausverkauft. Gerade sind sie aus Österreich zurück. Wie es war? „Endorphine. Alles auf jeden Fall supergeil. Und statt T-Shirt sagen sie dort Leiberl.“

Auf dem Rückweg spielten Mia in einer Kleinstadt im Erzgebirge. Dort haben sie Mieze das Berlin-Kleid gestohlen, ein fast durchsichtiges, asymmetrisch geschnittenes Unikat mit diagonalen roten Streifen und dem Berliner Bär auf der Brust. Sie hatte es bei jedem Auftritt getragen. „Jetzt ist es weg“, faucht sie. „Ich frag mich, auf was für einem Ego-Film der Typ war, der sich daran bereichert hat." Und sie verzieht die Oberlippe, reißt die rechte Hand hoch, um Zeige- und kleinen Finger zu spreizen. An ihr sieht diese aufdringliche Geste noch nicht einmal aufgesetzt aus. „Es soll passieren“, sagt sie. „Wann, wenn nicht jetzt?“

Ja, wann? Für Mia ist Erfolg ein Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Bei Paula brennt die Vergangenheit kleine Löcher ins Bewusstsein. Eins der Stücke auf ihrem neuen Album heißt „Die Stadt“ und geht so: „Auch wenn man sie nie vergisst/ Und sie der schönste Ort der Erde ist/ Sitze ich nun hier und frage: was hab ich übersehn/ Es sollte besser gehen.“ Diese Stadt könnte überall sein. Und doch gibt es in Deutschland wohl keine andere Metropole, die sich so sehr als Chiffre und Horizont der an sich selbst leidenden Alltagserfahrung aufdrängt wie Berlin.

Elke und Berend wohnen schon ein Weilchen in dieser Stadt. Es gab eine Zeit, da sind die beiden oft miteinander ausgegangen. Schlecht beleuchtete Clubs, in denen lauwarmes Bier ausgeschenkt und eigenwillige Musik gespielt wurde, öffneten beinahe im Wochentakt und hielten sich nur ein paar Monate. Heute weiß Elke nicht mehr, wo sie hingehen soll, um einen guten Abend zu verbringen. Zumindest aus dem Zentrum ist die Kultur des Klandestinen inzwischen verschwunden. In der Oranienburger Straße sind nun Animateure nötig, um Passanten und Flaneure in die hell erleuchteten Eingänge von Diskotheken zu locken. Und vor den Restaurants stehen Schilder, auf denen die Speisen, die drinnen aufgetischt werden, abgebildet sind: „Ausgehen ist schwierig momentan“, sagt Elke. Vielleicht ist Berlin heute tatsächlich langweiliger und berechenbarer als vor ein paar Jahren. Vielleicht sind Elke und Berend aber einfach nur älter geworden. Wenn das Vergnügen offensichtlich wird, ziehen sich sublime Romantiker in ihre vom Lärm verschonten Ruheräume zurück.

Elke schaut auf die Uhr. Der Proberaum wartet. Wäre Paula ein Film, hätte er kein Happy End. Elke: „Das Ende wäre aber auch nicht besonders dramatisch oder traurig. Die Welt würde nicht untergehen.“ Möglicherweise würde der Paula-Film seine Heldin einfach nur in einen grauen Herbstnachmittag entlassen. Mit der Aussicht, dass es schon irgendwie weiter gehen wird.

Wenn Paula die urbane Veränglichkeit verkörpern, dann stellen Mia das exakte Gegenteil dar: Sie sind der Hype, das Krasse und die Ungeduld all jener, die sich mit Almosen nicht zufrieden geben. Paula gefallen sich in zeitloser Eleganz und machen Designer-Pop, Mia schrecken nicht vor plakativem Zeitgeist-Getue zurück und machen Designer-Punk. Mias Berlin erstrahlt im expressionistischen Neongelb, Paula malen das Lebensgefühl ihrer Generation in sanften Pastelltönen. Was sie trotz ihres Altersunterschieds jedoch verbindet ist der Ernst, mit dem sie angetreten sind.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass mit Mia und Paula zwei Bands aus den Gletscherströmen der Berliner Subkultur hervorgegangen sind, die durch ihre Sängerinnen glänzen. Man denkt: Wenn man es hier zu etwas bringen will, dann mit der ungezwungenen Gleichgültigkeit von Frauen, die entweder als geheimnisvolle Wesen wehmütig auf ihre gescheiterten Beziehungen zurückblicken, oder als rotzfreche Gören, die erschreckend naiv und unverdeckt an die Unerschöpflichkeit ihrer Jugend glauben.

Mia spielen am 24.11. in der Columbiahalle; Paula am 14.11. im Maria am Ufer.

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