Kultur : Die vielen Götter der Freiheit Debatte über Kunst, Wissenschaft und Glaube

Es ist ein ungewöhnliches Projekt: Der Vatikan, der Regierende Bürgermeister von Berlin, das Deutsche Theater, die Charité und das Bode-Museum laden gemeinsam zu einer Veranstaltungsreihe über „Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott“ ein. Die Initiative ging von der katholischen Kirche aus, die mit Atheisten und Agnostikern ins Gespräch kommen möchte. Papst Benedikt XVI. gab den Impuls dazu und wünschte sich, mit Gesprächspartnern auf hohem Niveau „die Frage nach Gott lebendig zu halten“. Legendär sind seine eigenen Debatten mit dem Philosophen Jürgen Habermas über Vernunft und Religion sowie mit dem Philosophen Marcello Pera über die Wurzeln Europas. Papst Franziskus tauschte sich kürzlich öffentlich mit Eugenio Scalfari aus, dem früheren Chefredakteur der linksliberalen italienischen Zeitung „La Repubblica“.

Seit 2011 organisiert Kardinal Gianfranco Ravasi, der Kulturminister des Vatikans, nun mehrmals im Jahr Veranstaltungsreihen meist in westeuropäischen Metropolen, bei denen Philosophen, Künstler und Naturwissenschaftler, darunter ungläubige wie gläubige, über allgemeine, oft existenzielle Fragen diskutieren. Diese Woche ist Berlin das Forum.

Am Dienstag diskutieren im Roten Rathaus der Soziologe Hans Joas und der Philosoph Herbert Schnädelbach über das Verhältnis von Ethik, Humanismus und Gottesglauben. Am Mittwoch tauschen sich der Philosoph Volker Gerhardt, der Theologe Ulrich Lüke, der Kulturhistoriker Thomas Macho und die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert in der Charité über bioethische Fragen aus. Nachmittags diskutieren im Deutschen Theater die Intendanten Shermin Langhoff und Stefan Bachmann über die Freiheit der Kunst und die Suche nach dem Absoluten. Der Mittwochabend ist Jugendlichen gewidmet. Sie sollen durch eine spezielle Choreografie im Bode-Museum zum Nachdenken über Musik, Kunst und Religion angeregt werden.

Papst Benedikt verband mit dem Projekt ein missionarisches Ziel. Das wird mancher Atheist als ebenso übergriffig empfinden wie einige Äußerungen von Kardinal Ravasi. So sind für ihn Kunst und Glaube „notwendigerweise Geschwister“, da beide das Absolute suchten. Und wer nach Wahrheit fragt, fragt für ihn per se nach Gott. Andererseits: Warum nicht darüber diskutieren? Er wünsche sich „gepflegte Gespräche und Widerspruch“, sagt Ravasi. Die Veranstaltungsreihe nennt er „Vorhof der Völker“ – in Anlehnung an den Vorhof des biblischen Tempels in Jerusalem, den nicht nur Juden betreten durften, sondern auch auch Andersgläubige. Eine Debatte auf Augenhöhe war das aber damals wohl nicht. clk

Informationen und Anmeldung unter www.vorhofdervoelker.de

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