Kultur : Die Vielfalt der Stile

Sibiu siegt: kleine Bilanz eines Dichterfestivals

Im entlegenen Transsylvanien haben Sie Lyriker aus einem Dutzend europäischer Staaten versammelt. Warum hier?

Sibiu ist ein ausgezeichneter Ort, Europas Sprachenvielfalt gemeinsam mit Leuten zu erkunden, deren Augenmerk der Sprache selber gilt. Der Gedanke für ein Internationales Poetikfestival entstand sofort, als Sibiu Kulturhauptstadt Europas 2007 geworden war. Ich sprach gleich mit meinem Freund Oskar Pastior, denn ich fürchtete, dass man ihn an seinem Geburtsort übersehen würde. Er war begeistert von der Idee.

Und wie reagierte Rumäniens Kulturministerium?

Dort ließ man sich mehrmals meine Visitenkarte geben und versprach Antwort. Doch in diesem neuen EU-Land hat man noch nicht ganz verstanden, welches Gewicht scheinbar nutzlose Kultur haben kann. Mithilfe des Rumänischen Kulturinstituts, der Bosch-Stiftung und anderen haben wir dann dennoch ein Festival auf die Beine gestellt – glücklich, dass Autoren wie Urs Allemann, Bora Cosic, Bodo Hell, Herta Müller, Matthew Sweeney und Otto Tolnai kommen konnten.

Für Pastior aber kam das Festival zu spät.

Vor einem Jahr war sein Todestag, er starb mit 80. Den Abend des 4. Oktober haben wir ihm gewidmet. Etwas von seiner sprachlichen Experimentierfreude war die ganze Zeit dabei. Besonders für manche der rumänischen Zuhörer ist es eine umwälzende Erfahrung, Lesungen in mehreren Sprachen und mit einer großen Vielfalt der Stile zuzuhören. Ich denke an Pastiors wilden Band „Der krimgotische Fächer“. Im Nachwort nennt er die Sprachen, derer er sich bedient hat, darunter Rumänisch, Ungarisch, siebenbürgisches Sächsisch, Lagerrussisch, Apothekergriechisch, Ukrainisch, Hochdeutsch, Französisch ...

Ein guter, babylonischer Funke. Und wie geht es weiter?

Weil das Festival so erfolgreich war, ist eine Fortsetzung geplant. Mit demselben Geist wie jetzt schon: in produktiver Reibung zwischen Experimentellem und Traditionellem, offen und ohne die Atmosphäre eines Familienbetriebs.

– Interview: Caroline Fetscher

Ernst Wichner, geboren 1952 im rumänischen Banat, leitet das Berliner Literaturhaus. Er ist Initiator des Internationalen Poetikfestivals in der europäischen Kulturhauptstadt Sibiu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar