Kultur : Die vier Leben des Gelehrten

In Frankfurt wurde das Walter Benjamin Archiv lange vernachlässigt. Deshalb kommt es jetzt nach Berlin

Jörg Plath

Ein Nachlass führt, wenn er bedeutend ist, mindestens drei Leben. Im ersten wird er gerettet und schlummert seiner Entdeckung entgegen. Im zweiten kristallisieren sich an ihm die intellektuellen Fronten der Gegenwart. Im dritten aber gewinnt der Nachlass Souveränität. An die Stelle der Frage nach Wahrheit tritt die nach den verworfenen, an den Rand gekritzelten Ideen. In solch einem Stadium befindet sich der Nachlass von Walter Benjamin. Er wandert von Frankfurt am Main nach Berlin und bezieht im Herbst 2004 in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste eigene Räume.

Es ist eine späte Heimkehr des 1892 in Berlin geborenen Philosophen und Schriftstellers, der zu den einflussreichsten Köpfen des letzten Jahrhunderts zählt. Benjamin, der in jüdischer Tradition Aufklärung und Mystik verband, lässt dem Profanen jähe Erleuchtung zuteil werden. In der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ lauscht er Erinnerungen an Loggia und Markthalle eine Urgeschichte der Moderne ab, in der die Märchenfigur des „bucklicht Männlein“ tröstlich und alles bewahrend regiert. Bis heute fasziniert der messianische Glutkern und die nicht selten verrätselte Schönheit im Denken des Mannes, der 1933 vor den Nazischergen aus der Prinzregentenstraße nach Paris floh und 1940, von Hitlers Blitzkrieg-Armee erneut in die Flucht geschlagen, bei dem spanischen Grenzort Port Bou Selbstmord beging.

Benjamin hat seine Aufzeichnungen geschickt gestreut, so dass der Nachlass mit Ausnahme der frühen Schriften relativ geschlossen ist. Selten durfte die Akademie solch einen bedeutenden, die vorhandene Sammlung perfekt ergänzenden Zugewinn verzeichnen. Hoch erfreut ist auch Erdmut Wizisla. Der Direktor des Bertolt Brecht Archivs, dessen bis heute maßgebliche Doktorarbeit von der Beziehung zwischen Brecht und Benjamin handelt, wird das Benjamin Archiv kommissarisch leiten.

Wie anders stellten sich die Umstände in der Mainmetropole dar. Die Eigentümerin des Adorno- und Benjamin-Nachlasses, Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, schloss 1985 mit Frankfurt einen Depotvertrag: Für die Personalkosten wollte man aufkommen, für die „erforderlichen Räume“ die Stadt. Die beiden Nachlässe sollten mit jenen von Herbert Marcuse, Max Horkheimer, Leo Löwenthal und Friedrich Pollock vereint werden. Frankfurt hätte mit einem Zentralarchiv der Frankfurter Schule geglänzt.

Ob man das wollte? Erst verzögerte sich der Neubau der Deutschen Bibliothek, deren altes Gebäude die Forschungsbibliothek übernehmen sollte; dann zog dort die Kreditanstalt für Wiederaufbau ein. Schließlich beschloss die Universität umzuziehen, so dass nun eine neue Bibliothek gebaut werden muss. Das Adorno- und das Benjamin Archiv hausen seit 18 Jahren in zu kleinen Räumen, lange gleich neben der Drogenhilfe. Zuletzt bot die Stadt eine Villa an, die nach der Renovierung keine Sicherungsvorrichtungen, dafür jedoch Schimmel im Keller aufwies.

Die um die Archivalien besorgte Stiftung lehnte entsetzt ab und will nun selbst ein anderes Domizil suchen. Den Benjamin-Nachlass aber gibt sie nach Berlin. Frankfurt bietet recht hilflos eine zweite Sanierung der Villa an und glaubt, die vertraglichen Pflichten damit erfüllt zu haben. Doch faktisch ist der Depotvertrag gekündigt und Frankfurts umfangreiche Liste kultureller Schandtaten - zuletzt hat man den Choreographen William Forsythe vergrault – noch länger geworden. Das Adorno Archiv soll zwar unter der Leitung von Christoph Gödde und Henri Lonitz am Main verbleiben. Doch es wird, heißt es in der Presseerklärung, „nach Archivierung und Mikroverfilmung auch im Walter Benjamin Archiv“ in Berlin zugänglich sein. Frankfurt wird also zur kleinen Außenstelle degradiert. Der Verdacht liegt nahe, dass ihre Jahre bald gezählt sind.

Mehr als 20, größtenteils verdienstvolle Editionen haben Rolf Tiedemann und seine Mitarbeiter aus dem Benjamin-Nachlass erarbeitet. Doch noch immer gibt es Entdeckungen zu machen. Gefesselt ist Erdmut Wizisla von den Farbsiglen, die Giorgio Agamben in den Aufzeichnungen, Notizen, Zitatschnipseln und Schemata zum „Passagen-Werk“ gefunden hat. „Das sind verrückte, fast magische Zeichen: Symbole, Farben, Kombinationen von beidem, dazu Sonderzeichen, etwa durchgestrichene Kreise. Bisher hat niemand überzeugend erklären können, welches System dahintersteckt.“

Wizisla will die Manuskripte durch hochauflösende Scans davor retten, unleserlich zu werden. Zwei bis drei Jahre brauche die Akademie, um die Manuskripte, Typoskripte und Korrespondenz archivarisch zu erschließen. In Frankfurt sind erstaunlicherweise nur Listen angelegt worden. Erschlossen ist allein der Nachlassteil, den die Gestapo in der Pariser Wohnung beschlagnahmt hatte. Denn die Manuskripte, Briefe, Pässe und Verträge gelangten nach Kriegsende über Moskau in die Akademie der Künste der DDR und wurden 1996 der Hamburger Stiftung übergeben. Schon während der Erschließungsphase sollen jedoch Teile zugänglich sein: „Es sieht nicht gut aus, wenn der Nachlass nach Berlin kommt und dann noch einmal drei Jahre unter Verschluss bleibt.“

So war es lange Zeit.

Das Adorno- und das Benjamin Archiv haben unter Tiedemanns Leitung einen Ruf als uneinnehmbare Festung erworben: Nicht nur die für die zahlreichen Bucheditionen nötigen Bestände wurden gesperrt, Kritiker der Buchausgaben erhielten überhaupt keinen Zutritt. Wissend um diese Traumata hat die Akademie offenbar klug mit der künftigen Lage des Archivs am Pariser Platz und der Möglichkeit zu Veranstaltungen geworben. Der gelassen die eschatalogische Katastrophe erwartende dialektische Materialist soll nun in der Mitte der Republik ankommen. Vielleicht gibt es dort für seinen Nachlass sogar noch ein viertes Leben.

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