Kultur : Die vier Lebensalter

Liebesdienst, Liebesmüh: Toru Takemitsu an der Berliner Staatsoper

Sybill Mahlke

Toru Takemitsu lacht. Es ist ein Lachen, das als hintergründiges Lebenzeichen des 1996 gestorbenen Komponisten in das Musik-Theater-Projekt „Takemitsu – My Way of Life“ eingegangen ist. Der O-Ton stammt von Bändern aus dem Besitz der Tochter Maki und gibt dem Versuch, aus einzelnen Werken Takemitsus ein Kaleidoskop für die Bühne zu machen, Direktheit und Ferne im Sinn des Unwiederbringlichen. Kent Nagano, ein Weggefährte Takemitsus, weiß von einem Opernvertrag, den der Komponist 1987 akzeptiert habe, und von Vorstellungen in dessen Kopf über ein Stück aus verschiedenen Sprachen, Gesellschaft und Natur, Vogelstimmen, Fischen. Eine phantastische Form sollte es werden.

Takemitsus Arbeiten sind von der Tradition seiner Heimat und von moderner westlicher Kunst geprägt. Meditation auf der einen Seite, über 100 Filmmusiken (für Kurosawa, für Hollywood) auf der anderen. In Tokio 1930 geboren, wird er von Strawinsky gefördert, nähert sich Debussy, der Musique concrète und Schönberg, um in seinen musikalischen Garten zurückzukehren, wo die Vögel Messiaens singen. Takemitsu flaniert in vielen Gassen, Meister mannigfacher Szenen. Aber die Oper fehlt. Ein Liebesdienst schwebte Peter Mussbach und Nagano vor, als sie mit dem Projekt für die Staatsoper anfingen. Japanischem Verständnis gemäß seien die Nachfahren gefordert, einen unvollendeten Plan eines Verstorbenen zu realisieren. Das Problem besteht darin, dass der Komponist wenig Vokalmusik geschrieben hat. Daher Anleihen bei Songs, die er liebte: „Parlez moi d’amour“ und „I left my Heart in San Francisco“, mit dessen Einspielung sich Takemitsu aus der Produktion lacht.

Als Regisseur der Uraufführung arbeitet Mussbach in einer Gassenbühne von Erich Wonder, ein wenig japanische Raumkultur, ein wenig Atmosphäre nach de Chirico mit preziös statischen Figuren. Die Versenkung dominiert als theatralische Funktion. Mit Doubles und mysteriösem Gefolge tauchen die Hauptfiguren auf: vier Mal Frau, vom Kind zur Greisin nach der mittelalterlichen Vorstellung der Lebensalter. Fabelhaft kostümiert und maskiert von der Oscar-Preisträgerin Eiko Ishioka blicken sie stumm, bis wir uns freuen dürfen, aus dem magisch beleuchteten Ambiente die vertrauten Timbres von Georgette Dee (mit Nebenwerken aus Film und Hörspiel), Christine Oesterlein und Roman Trekel zu vernehmen. Längen breiten sich auf der Bühne selbst bei renommierten Instrumentalstücken („Requiem for Strings“ und „November Steps“) aus, während die Staatskapelle sich in einem Walzer unter Nagano beflügelt fühlen darf. Im Zentrum steht „Family Tree“ für Orchester und Sprecherin, deren Part auf Oesterlein und Melanie Fouché verteilt ist. Diese Kindfrau erzählt naiv, grundsätzlich, ängstlich von ihren Vorfahren und ihrer Einsamkeit, Lyrik von dem in der Literatur namhaften Shuntaro Tanikawa.

Es dürfte kaum in der Absicht des Schöpfers gelegen haben, dass die titelgebende Bariton-Partie szenisch einer alten Frau mit Hängebrüsten anvertraut würde. Aber Trekels Maskierung als Vanitas-Figur passt in das Konzept einer Rappresentazione über Vergänglichkeit.

Von diesem Theater arg strapaziert, reißt der Geduldfaden bei manchem Zuschauer vorzeitig. Wer sich auf die japanisch-deutsche Collage einlässt, kann Feinheiten entdecken. Aber auch daran zweifeln, ob der richtige Takemitsu repräsentiert wird. Denn die Hauptwerke der Aufführung sind von 1990 und später, als Takemitsu tonal komponiert und der Impetus seiner frühen Jahre erschöpft ist: Hollywood ohne Action.

Wieder am 17., 20., 24., 27. und 29. Oktober.

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