Kultur : Die vierte Dimension

Die Berliner Bildhauergalerie feiert ihr 25-jähriges Jubiläum

Michael Zajonz

Lange galt sie als elitärste Gattung der Kunstproduktion: Skulptur, die seit der Spätgotik aufregend nah am Menschen gedacht wurde. 500 Jahre später hat sich die Wertschätzung zeitgenössischer Plastik radikal gewandelt. Dem Kunstmarkt gerät sie zur Quantité négligeable, öffentliche Auftraggeber parken sie als Kunst am Bau auf tristen Restflächen. Was schwerer wiegt: Der Skulpturenbegriff selbst steckt in der Krise. Noch kann man Bildhauerei studieren, aber um danach auch erfolgreich zu sein, empfehlen sich Arbeiten irgendwo zwischen temporärer Intervention und musealer Installation. Bretter statt Bronze.

Da zeugt es von einiger Kampflust, wenn Gertraude Zebe die Ausstellung zum 25. Geburtstag ihrer Bildhauergalerie unter das Motto „Wir bedienen nicht den Zeitgeist, auch nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft!“ stellt. Zebe, Jahrgang 1938 und selbst Bildhauerin, gründete die Galerie im Dezember 1979 zusammen mit ihrem damaligen Mann. Seither vertritt sie, und das mit Verve, gesicherte plastische Positionen der Spätmoderne zwischen archaisch, neokonstruktiv und expressiv-figürlich.

Das „Zentrum zeitgenössischer Kleinplastik“, wie sich Zebes charmante Wohnungs- und Werkstattgalerie in der Grolmanstraße im Untertitel nennt, ist in der Ausrichtung auf skulpturale Kleinformate in Berlin ein Unikum. Und eine beinahe familiäre Adresse, kennen sich doch etliche ihrer inzwischen nicht mehr ganz jungen Künstler bereits aus der vor 33 Jahren in Berlin gegründeten Gruppe „plastik 71“: Neben Gertraud Zebe selbst gehörten Bucco, Joachim Dunkel, Gerson Fehrenbach, Klaus Großkopf, Volkmar Haase und Rainer Kriester dazu.

In ihrer Jubiläumsausstellung stellt die Galeristin eigene Bronzen und Eisengüsse der letzten Jahre den flinken Stahlblech-Messing-Konstrukten der Stuttgarter Altmeisterin Gerlinde Beck gegenüber. Sollte Skulptur tatsächlich die vierte Dimension erschließen, dann liegen zwischen Zebes austarierten „Zezootieren“ und „Zebullen-Schädeln“ (500–6000 Euro) und Becks lässig schleudernden Kleinstmonumenten berühmter Tänzerinnen (400–2200 Euro) ganze Zeitrechnungen. Formal vertragen sich das Bewegte und Geknickte bei Gerlinde Beck und Gertraude Zebes ruhig gespannte Volumina allerdings prächtig.

Bildhauergalerie, Grolmanstraße 46, bis 29. Januar; Donnerstag bis Sonnabend 15–19 Uhr.

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