Kultur : Die Visionen des Ex-Managers Daniel Goeudevert

Hella Kaiser

Nach Ende einer erfolgreichen Karriere greifen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft gern zur Feder. Vom Zwang zur Loyalität befreit, schreiben sie sich dann von der Seele, was sie zuvor nur denken, aber nicht äußern durften.

Daniel Goeudevert gehört zu den wenigen, die schon während ihrer jeweiligen Tätigkeit kritische Töne anschlugen. In den Vorstandsetagen von Ford und VW wurde der Top-Manager mal als Paradiesvogel gehätschelt, mal als Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Seine vor drei Jahren erschienene Autobiographie wurde zum Bestseller. Nun hat der eigenwillige 57jährige nachgelegt. "Mit Träumen beginnt die Realität" heißt sein neues Buch, in dem er den gesellschaftlichen Wandel fordert und Zukunftsvisionen entwirft.

Die Marktwirtschaft ist auch für Goeudevert ein ökonomisches Modell, das durch nichts zu ersetzen ist. Wie das Modell derzeit indes umgesetzt wird, mißfällt dem Autor. "Gewinnstreben ist nichts Unanständiges", schreibt der Ex-Manager, schädlich aber sei "die Vergötzung des Profits und seine Erhebung zum alleinseligmachenden Prinzip". Mittlerweile würden nicht nur Waren, sondern auch Menschen allein auf ihren Geldwert reduziert. Die neuesten Errungenschaften der Technik würden propagiert, ohne auf Nützlichkeit oder gar Sinn geprüft zu werden. Falls es so weiter ginge, drohe die Menschheit von ihrer eigenen Dynamik überrollt zu werden. Was ist zu tun?

Daniel Goeudevert erinnert die Unternehmer an ihre moralische Verantwortung, die beim starren Blick auf höchstmögliche Renditen in Vergessenheit geraten sei. Wie schwer sich dieser Wunsch in unserer Shareholder-value-Gesellschaft durchsetzen läßt, weiß Goeudevert aus eigener Erfahrung. An der Spitze der Unternehmen sitzen immer mehr "Kostenkiller", klagt er. Einsparungen bedeuteten zuerst Entlassungen. Die Realität zeigt: Wer betroffen ist, hat eben Pech gehabt. Unter solch harschen Voraussetzungen muß eine Gesellschaft früher oder später ins Trudeln kommen, der soziale Frieden ist in Gefahr.

Goeudeverts Idee: Alle sollten weniger verdienen, damit jeder etwas verdienen kann. Und: Niemand darf länger als sechs Monate arbeitslos sein. Der Staat sollte Arbeitslose zu gesellschaftlich notwendigen Arbeiten heranziehen, aber gemeinsam mit der Wirtschaft auch Maßnahmen zur Qualifizierung für neue Tätigkeitsbereiche anbieten. Der Ex-Manager preist das hohe Gut der Solidarität. Mehr Kreativität in Wirtschaft und Politik fordert er und stellt unmißverständlich dar, daß von den Männern in Amt und Würden da wenig zu erwarten ist. Frauen, die seiner Ansicht nach "sozial kompetenter und teamfähiger" sind, blieben viele Türen nach wie vor verschlossen.

Daniel Goeudevert, das zeigt sein verblüffend kurviger Lebenslauf, hat sich nie auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Scheitern begriff er als Chance, eignete sich neues Wissen an und wartete nicht auf Herausforderungen, sondern suchte sie. Lebenslanges Lernen und Mobilität sind für ihn die wichtigsten Karriereschlüssel.

Die wenigsten Arbeitnehmer aber hätten das bisher begriffen. "Europa ist - ganz im Gegensatz zu Amerika - mehr denn je ein Kontinent der nationalen Nesthocker", stellt der gebürtige Franzose fest. Wer aber nur ängstlich im Vertrauten verharre, werde in der Zukunft verlieren. Die Gestaltung des nächsten Jahrhunderts sei die Chance, aber auch die Pflicht eines jeden.

Der Praktiker Goeudevert geht mit gutem Beispiel voran. In Dortmund will er ein Campus-Modell initiieren, auf dessen Gelände über hundert in- und ausländische Firmen, Managerschulen, Zukunftslabore und Forschungsinstitute eng zusammenarbeiten sollen. Eine Arbeits- und Denkfabrik für Menschen mit unterschiedlichsten Qualifikationen ist geplant. Angehörige aller Altersklassen sollen sich hier gegenseitig Wissen vermitteln. Schillernd wirbt Goeudevert für das finanziell noch nicht gesicherte Projekt, und man ahnt, warum der Mann soviel Erfolg hat. Je schwieriger die Aufgabe ist, um so engagierter kniet er sich in die Sache rein.

Bequem ist so ein Leben nicht. Doch die geruhsamen Zeiten, das zeigt Goeudeverts Buch deutlich, sind sowieso vorbei. Der selbstbewußte Querdenker liefert gute Ideen und kluge Überlegungen. Daraus ließe sich - vielleicht - eine Gebrauchsanweisung für die Zukunft basteln.Daniel Goeudevert: Mit Träumen beginnt die Realität. Rowohlt Verlag, Berlin 1999. 223 Seiten. 39,80 DM.

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