Kultur : Die Volksblitzer

Abschied von einer Generation: Bernd Cailloux’ satirischer Roman „Das Geschäftsjahr 1968/69“

Ulrike Baureithel

So, wie die Achtundsechziger einst erschienen, treten sie heute wieder ab: mit viel Bühnenzauber. Was einmal Gegenkultur war, versinkt als etablierte Politik. Aber auch das gehört zu ihrer Geschichte, behauptet der Berliner Schriftsteller Bernd Cailloux, Jahrgang 1945, in seinem satirischen Roman „Das Geschäftsjahr 1968/69“. Das Buch beleuchtet in kurzen, manchmal nur wenige Zeilen langen Abschnitten die Generationen-Saga aus der Sicht der Ökonomie: Egal, ob sich einer als sanftes Blumenkind oder als harter Revolutionär gerierte, einig waren sich alle in der Gegnerschaft gegen Soll und Haben des profanen Handels.

Ob die Geschichte des Andreas Büdinger, die aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers in Cailloux’ Roman aufscheint, einer historischen Vorlage folgt, ist unerheblich. Wichtiger ist die Anlage der Figuren: Büdinger, der nach dreißig Jahren bei einer eher zufälligen Begegnung mit dem einstigen Freund und Partner längst alle heuchlerischen Erklärungsversuche ad acta gelegt hat und sich als rücksichtsloser homo oeconomicus bekennt; der Ich-Erzähler, der, viel verlogener, in den Nischen des Systems haust und Revue passieren lässt, was damals passiert ist, 1968/69, als der Blitz der revolutionären Aufklärung in die Welt kam und diese, ganz materiell zunächst, in neuem Licht erscheinen ließ.

Denn um 1967 herum lotst dieser Andreas Büdinger den alten Journalistenfreund, der gerade die demütigenden Rituale der Vaterlandsverteidigung absolviert hat, nach Düsseldorf, wo sie, zusammen mit einem durchgeknallten Elektronikfreak, in einer muffelnden Gartenlaube residieren und als „Muße-Gesellschaft“ Ausflüge in die örtliche Kunstszene unternehmen – einschließlich solcher in die bewusstseinserweiternde Drogenwelt. Bekurz, der Tüftler, ist besessen von seiner Idee, eine Blitzlichtmaschine zu konstruieren, Büdinger von den Möglichkeiten, die in dem Teil stecken, und der Ich-Erzähler vom freiheitsversprechenden Licht des Stroboskops und der Muße-Gesellschaft, die das kapitalistische Joch – auch für die Kapitalisten – zu überwinden scheint. „Wenn sie anders tanzen“, glaubt er, „werden sie auch bald die Welt anders sehen“. Eine Maschine, die die Realität verändert.

Doch nachdem die ersten Feldversuche in Diskotheken und zweifelhaften Etablissements durchschlagen und die Nachfrage die logistischen Möglichkeiten der Unikate produzierenden Laubenbastler übersteigt, steht die Muße-Gesellschaft vor der Entscheidung, was mit ihrem Start-up passieren soll. Wollte das Trio, ergänzt von Aussteiger Sweti, „in diesen Zeiten“ eigentlich gar keine „Firma am Hals haben“ und setzte es ihre absichtslose Licht-Ideologie zunächst noch gegen die Absichten ihrer Kunden, zeichnet sich mit dem Umzug in „Geschäftsräume“ eine Veränderung ab. „Wir befanden uns in einem großen Büro, wo wir mit einer Menge hungriger Leute zu tun hatten, mit Steuern und TÜV-Vorschriften, Vermietern, Händlern, Produzenten“. Und der Frage, „wem eigentlich diese Firma gehört“.

Es beginnen die Auflösungsprozesse, die Bernd Cailloux, unterkühlt, dicht und präzise verfolgt und in dramatische Bilder umsetzt. Ein Konzert in der Essener Gruga-Halle, das die blitzartige „Zeitenwende“ für einen Augenblick festhält; die Erfindung des „Volksblitzes“; schließlich die „feindliche Übernahme“ Büdingers, der Zerfall der alten Freundschaften, der Drogentod und die letzten, erfolglosen Korrekturversuche des Ich-Erzählers.

Dabei ist das Licht, der „Blitz“, mit dessen bildlichen Möglichkeiten der Autor ausgiebig jongliert, materielles Diktat und symbolisches Menetekel zugleich. Je heller die Diskotheken, Puffs, Messehallen und Politikerarenen mit dem Dauerlichtgewitter ausgeleuchtet und gleichzeitig verzerrt werden, und je mehr Geld damit zu machen ist, desto schneller verdunkeln sich die Versprechen der Muße-Gesellschaft, bis sie mit dem Eintrag ins Handelsregister untergehen.

Dass der Ich-Erzähler – parallel zu seinem Abstieg in der Firma – noch einmal aufsteigt in den Liebeshimmel, ist eher eine erzählerische Petitesse, die sich vor allem deshalb hübsch liest, weil dort das Pathos des Ich-Erzählers für den Zauber des Lichts abgekühlt wird im Feuer körperlicher Entdeckungsreisen. Als Modell überlebt dieser Rohstoff so wenig wie die Freundschaft, die sich im Geschäft erschöpft. Aus sich selbst heraus ist die Liebe ebenso wenig überlebensfähig wie die Muße-Gesellschaft.

Am Ende bleibt für den sozialromantischen Ich-Erzähler nur zu erklären, was es auf sich hatte mit dem Geschäftsjahr 1968/69 und seinem verborgenen Motiv: Der Blitz der Erkenntnis? Das schnöde Geschäft? Oder eben „eine Firma als Tarnkappe auch bei der Suche nach besseren Lebenszwecken“? Übrig bleibt das kleine Stroboskop auf den Schreibtischen der ehemaligen Freunde, ein ganz privater „Volksblitz“, der daran erinnert, dass ja auch einmal der Volksempfänger und das Volksauto samt der Volksaktie ein Versprechen waren.

Bernd Cailloux: Das Geschäftsjahr 1968/69. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005. 253 Seiten, 10 €.

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