Kultur : Die Volkstheatermacher

25 Jahre und kein bisschen alt: Die Neuköllner Oper in Berlin begeht mit „Alles Theater“ ihr Silberjubiläum

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Habe ich genug geliebt? Wurde ich genug geliebt? Und wie kriege ich als Mann meine Y-Chromosomen möglichst breit gestreut? Das sind die beherrschenden Themen beim Geburtstagskonzert der Neuköllner Oper. Ein Querschnitt aus den ersten 25 Jahren Musiktheater zwischen ambitionierter Oper und unterhaltendem Musical. Ein Liederabend ganz eigener Art. Zwanglos erzählen die Musiknummern kleine Geschichten, die sich wie von selbst zu einem großen Bogen spannen. In detailreich gespielten stummen Szenen werden die Einzelteile verknüpft, indem sich zwei Diven beharken oder Beziehungsdramen aufgerissen werden. Wenn ein Song allein genommen nicht funktioniert, etwa „Ich bin sozial total gestört“ aus dem „Wunder von Neukölln“, dann bildet er zumindest die dramaturgische Brücke zur Elternklage „Was haben wir bloß falsch gemacht“ aus „Nero Kaiserkind". Es überwiegen die ironisch gebrochenen Rührstücke mit „torch song"-Qualitäten, und selbstverständlich räumen die Mäuse aus „Cinderella passt was nicht“ auch diesmal den größten Applaus ab.

Als Winfried Radeke die Neuköllner Oper gründete, hatte er kein Haus, kein Geld und kein Ensemble. Das passt alles wunderbar in den Problembezirk, dachte sich der Kirchenmusiker. Statt in der Provinz als dritter Kapellmeister von rechts zu versauern, brachte er in Neuköllner Kirchen Lehrstücke und Parabeln zur Aufführung. Schließlich wurden die Berliner Festwochen aufmerksam und luden ihn nach Charlottenburg ein. Ein riesiger Schritt für die kleine Truppe, die eigentlich ein Einmannbetrieb war. Radeke machte damals noch alles selbst und fühlte sich auf der vergleichsweise luxuriös ausgestatteten Bühne der HdK ziemlich verloren.

An diese Anfangszeiten erinnerte das Eingangsstück aus Radekes Oper „Die Vögel". Ebenso wie das Lied der Justitia aus der „Legende vom Krabat“ fiel diese Musik aus dem Rahmen des Abends, zeigte jedoch die Bandbreite der eigens für dieses Haus geschriebenen Werke. Eine wilde Mischung aus Opernraritäten, Neukompositionen und respektlosen Bearbeitungen bestimmte von Anfang an das Repertoire der Neuköllner Oper. Dabei ging es Winfried Radeke und dem schnell anwachsenden Kreis seiner Mitarbeiter immer um anspruchsvolles Volkstheater. Bis heute wird die Bühne von einem Viererdirektorium geleitet. Während die Zeit gruppendynamischer Prozesse andernorts längst der Vergangenheit angehört, wird an der Karl-Marx-Straße noch heute unverdrossen ausdiskutiert. Das stellt manchen Regisseur vor völlig neue Fragen: Wo soll er jetzt seine Wut und Frustration abladen? Der wohlkalkulierte hysterische Auftritt fällt vor dem einzelnen Stadttheater-Intendanten deutlich leichter als vor einem Gremium.

Seit sechs Jahren gehört Peter Lund zu diesem Führungsteam, und seitdem geht die dramaturgische Linie des Hauses deutlich in Richtung „Neues Musical". Eine Fortentwicklung der Berliner Tonfilmoperette unter Berücksichtigung neuer amerikanischer Tendenzen, könnte man sagen. Und täte damit dem Texter und Regisseur Lund ebenso unrecht wie den Komponisten Thomas Zaufke, Niclas Ramdohr und Wolfgang Böhmer. Deren Stücke „Babytalk“, „Nero Kaiserkind“ oder „Love bite“ treffen immer wieder den tiefscharfen Blick auf die emotionalen Verwirrungen des Großstädters, auf Beziehungsdramen und Lebensentwürfe, ohne in kitschtriefendes Sentiment abzugleiten.

Trotz des großen Erfolgs - oder gerade deswegen - reagieren die Neuköllner Opernmacher gereizt, wenn sie als Modell zur Lösung der notorischen Berliner Opernkrise herhalten sollen. Schließlich haben sie sich immer als Gegenentwurf zu den großen Häusern verstanden, verfolgen einen anderen Auftrag, eine andere Ästhetik und haben nicht zuletzt auch eine andere Zielgruppe. Im direkten Kontakt mit diesem ihrem Publikum zogen die „Stars“ der Neuköllner Oper, Silvia Bitschkowski, Kathrin Unger, Ilka Sehnert, Leon van Leeuwenberg, Tilmann von Blomberg e tutti quanti auch an diesem Potpourri-Abend alle Register. Ein gutes Versprechen - für die nächsten 25 Jahre.

Uwe Friedrich

Noch einmal: heute um 20.00 Uhr .

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