Kultur : Die Vollendung der Postmoderne

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Peter von Becker über das Berliner Schloss als wahre Verwegenheit

Noch liegt das Berliner Schloss in ziemlicher Ferne; doch nach dem Bundestagsvotum für einen Wiederaufbau der Schlüterschen Barockresidenz in ihren wesentlichen Fassaden-Teilen ist auch ein von Schlossgegnern gern zitiertes Gespenst ziemlich ferngerückt: der Geist der symbolischen „Restauration“. Wer die von unpathetischer Nüchternheit geprägte Debatte im Donnerstagabend im Parlament gesehen hat, mit Kulturstaatsminister Nida-Rümelin als letztem Mohikaner auf der leeren Regierungsbank und den erst zur Abstimmung in den Saal strömenden Abgeordenten, der weiß, dass keine Sturmglocken läuten. „Keiner will den Kaiser Wilhelm wiederhaben“, sagte lächelnd selbst Berlins Kultursenator Thomas Flierl, ein entschiedener Gegner der Schloss-Lösung. Damit bietet sich, mit einer gewissen Entkrampfung nach dem parteiübergreifenden Palamentsbeschluss, auch eine Chance.

Eine Chance für Berlin. Viele Beobachter haben sich ja gefragt, warum die Volksvertretung über ein zunächst lokales Bauvorhaben zu debattieren habe. Das komme nur Projekten von nationalstaatlicher Bedeutung (wie unzweifelhaft dem Reichstag oder dem Holocaust-Mahnmal) zu. Tatsächlich ist die Teilreplik des Hohenzollernschlosses keine Verkörperung der „Neuen Mitte“ oder gar des Herzes der Republik. Darum macht die Debatte und macht die aus finanziellen Gründen ganz überwiegende inhaltliche Zuständigkeit des Bundes nur insofern Sinn, als die Auflösung der historischen Brache mitten in Berlin als Beispiel der gesamtstaatlichen Verantwortung für die Hauptstadt gesehen wird. Weil es damit aber auch um Gegenwart und Zukunft gehe und Deutschland sein modernes Gesicht zeigen wolle, sei der Verzicht auf eine zeitgenössische Architektur das falsche Signal. Dieser Einwand bleibt, und wird nun weniger politisch und geistesgeschichtlich als ästhetisch-kunsthistorisch unterfüttert. Ein Betonskelett im Innersten, ein Fassadenstückwerk außen und eine Mischnutzung aus Museumsbetrieb, Bibliothek und Eventhaus sei Talmi und Tinnef im Gewand eines falschen Barock: große Bar und kurzer Rock.

Diese Kritik freilich übersieht, dass in diesem Schloss-Vorhaben mit all seinen noch ungeklärten finanziellen Bedingungen und ästhetischen, architektonischen Risiken auch eine große Kühnheit, vielleicht Verwegenheit steckt. Es ist in seinem Eklektizismus ein wohl letztmögliches Projekt der Postmoderne. Der Zierrat postmoderner Architektur mit seinen gebrochenen, verspielteren Formen, mit neuen Bögen, Giebeln, Architraven war doch eine Reaktion auf das Diktat Neuer Sachlichkeit, das vor allem in den 50er und 60er Jahren zur oft brutal betonierten oder im immergleichen Rechteck verglasten Kastenbauweise führte – abschreckend repräsentative Beispiele sind etwa die Städtischen Bühnen in Frankfurt/Main oder die Deutsche Oper Berlin. Alexander Mitscherlich sprach da von der „Unwirtlichkeit“ unserer Städte, Peter Handke von den neuen Häusern, die wie „unentschärfte Bomben“ mehr Drohung als Wohnung böten.

Berlin ist in seiner Mitte noch so zerrissen, dass alles, was optische Verdichtung und in Proportionen und Anmutung etwas Harmonie bietet, schon einer Attraktion gleicht. Und eine Attraktion für Einheimische und Touristen wäre natürlich auch ein falsches Schloss. Als postmoderne Barocktorte ein Kuriosum, könnte es, wenn im baulichen Detail etwas Delikatesse und im Inhalt museologische und inszenatorische Intelligenz walten, viel mehr sein als ein Palast der Replik – nämlich eine Bühne der Behauptung. Weil Schein und Sein zum Leben, zur Politik, zur Wahrheit des ganzen Hauptstadt-Theaters gehören.

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