Kultur : Die Vor-Vorläufer

Neue Funde aus der europäischen Provinz: Russische Avantgarde-Kunst in Brüssel

Bernhard Schulz

Unter den kulturellen Exportartikeln Russlands nimmt die Kunst der Avantgarde der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden, wenn nicht den ersten Platz ein. Kaum zu zählen sind die Ausstellungen, seit mit „Paris – Moscou“ im Centre Pompidou 1979 ein politisch brisanter Auftakt gesetzt wurde, dem seither alle Veranstaltungen nacheifern. So auch das Programm des bereits zum 20. Mal stattfindenden Brüsseler Festivals „Europalia“, das sich um die Hauptausstellung „Russland der Avantgarde, 1905 - 1935“ im Palais des Beaux-Arts gruppiert.

Wurden frühere Ausstellungen insbesondere aus den überreichen Beständen des Russischen Museums in St. Petersburg bestückt, sind seit dem Ende der Sowjetzeit verstärkt regionale Museen mit überraschenden Werken vertreten. Es ist ein Verdienst der in ihrem Aufbau ähnlichen Ausstellungen, dass sie den Besucher mit solchen nur schwer zugänglichen Werken vertraut machen. Immer wieder erstaunt die Frische, mit der sich Arbeiten in den Museen von Jekaterinenburg, Saratow, Krasnodar, Tula oder Samara erhalten haben – Folge der jahrzehntelangen offiziellen Missachtung, der die Avantgarde in der Sowjetunion seit der Indoktrination des „Sozialistischen Realismus“ ab 1932 anheim gefallen war: missachtet, aber eben nicht – wie im NS-Staat – zerstört.

Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die russische Avantgarde durchaus keine Folge der bolschewistischen Revolution war, sondern ihr allenfalls eine gewisse – kurzfristige – Breitenwirkung verdankt. Die entscheidenden Weichenstellungen geschahen zuvor. So erblühten Kubo-Futurismus, Rayonismus, Abstraktion und Suprematismus bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg – entsprechend dem kulturellen Aufbruch, der sich zeitgleich in den westlichen Ländern vollzog. Die russische Besonderheit ist der Rückbezug auf die wieder geschätzte Volkskunst, die in den Jahren der ersten Industrialisierung des Riesenreiches Gegenstand ethnografischer Forschung wird.

Diesen Aspekt vertieft die Brüsseler Ausstellung leider nicht. Sie schlägt vielmehr einen weiten Bogen von der „Avantgarde vor der Avantgarde“, also der Jahre um 1905, bis hin zur Re-Figuration und damit auch der Re-Ideologisierung der frühen dreißiger Jahre. Anders als dies in westlichen Ausstellungen gern behauptet wurde, zeigt sich die Avantgarde als zeitlich begrenztes, vor allem aber sich selbst erschöpfendes Phänomen. Woher diese Erschöpfung rührte, bleibt unberücksichtigt. Gerade die schwierigen Arbeitsumstände lassen Erfindungsreichtum, Energie und Produktivität der Avantgarde um so staunenswerter erscheinen.

Gut und richtig ist, dass der Suprematismus – westlicherseits jahrzehntelang mit der Avantgarde schlechthin gleichgesetzt – in Brüssel nur als eine Richtung unter mehreren gezeigt wird. Angesichts der zahllosen Ausstellungen, die sich in den zurückliegenden Jahren mit Malewitsch beschäftigt haben, ist das eine vertretbare Einschränkung. In den Vordergrund rückt stattdessen der enorme Anteil weiblicher Künstler an der russischen Avantgarde.

Gewiss hält die Brüsseler Ausstellung unter ihren immerhin 400 Katalognummern eine Fülle wunderbarer Werke bereit. In ihrer Beschränkung auf die Kunst und mit der Ausblendung der politischen Zeitumstände versäumt sie es jedoch, die der russisch-frühsowjetischen Avantgarde eigene Entwicklungslogik herauszuarbeiten. Dass ein gegenständliches, jedoch keineswegs platt naturalistisches Bild wie Alexander Deinekas „Textilarbeiterinnen“ von 1927 die Wand hinter dem Katalogstand am Ende der Ausstellung ziert, ist ein unfreiwilliger, aber bezeichnender Fauxpas. Ende der zwanziger Jahre beginnt die forcierte Industrialisierung der Sowjetunion als „Sozialismus in einem Land“.

Das ist kein Epilog, kein Auslaufen einer erschöpften Avantgarde, sondern ein bewusster Bruch, ein massiver Eingriff auch in die Autonomie der Künste. Das hätte deutlich gemacht werden müssen – heute, wo uns ein reicherer Kenntnisstand über die kulturpolitischen Vorgänge im Stalinismus zur Verfügung steht, als dies noch vor Jahren bei den Pionierausstellungen zur sowjetischen Avantgardekunst der Fall war. Und doch steht zu befürchten, dass dieser Selbstläufer unter den Ausstellungsthemen unverändert fortgesetzt wird. In Kürze steht in Madrid eine Ausstellung mit dem Titel „Russische Avantgarden“ auf dem Programm. Die unterfinanzierten Museen des Ostens sind willige Geschäftspartner.

Brüssel, Palais des Beaux-Arts, bis 22. Januar, Katalog 30 €.

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