Kultur : Die Vorläufer

Deutscher Minimalismus am Potsdamer Platz

Jens Hinrichsen

Die abstrakte Nachkriegskunst kommt zu neuen Ehren. Überall werden jene deutschen Künstler wiederentdeckt, die nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur den Anschluss an internationale Tendenzen suchten und fanden. So wird zum Beispiel bis August mit der Schau „Le Grand Geste!“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast die Kunst des deutschen Informel rehabilitiert.

Ein weiterer Strang, der in den Fokus rückt, ist der Minimalismus westdeutscher Prägung. Künstler wie Charlotte Posenenske oder Peter Roehr, die mit posthumen Präsentationen auf der Documenta in Kassel oder im Frankfurter MMK neu ins Bewusstsein gerückt sind, sind mit Arbeiten in der Daimler Kunstsammlung vertreten. Die 1977 gegründete Kollektion – von Anfang an auf abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts spezialisiert – versammelt nun rund 60 Werke von 28 Künstlerinnen und Künstlern unter dem Titel „Minimalism Germany 1960s“ im Haus Huth am Potsdamer Platz.

Ausgehend von Verbindungen zur Bauhaus-Tradition, die für die (Weiter-)Entwicklung von Konstruktivismus, Zero, Minimal Art, Konzeptkunst und serielles Arbeiten maßgeblich waren – zum Beispiel Josef Albers –, schlägt die von Renate Wiehager kuratierte Schau einen fulminanten Bogen von der Zero-Avantgarde zu den späten Arbeiten von Imi Knoebel, Imi Giese und Blinky Palermo. Es ist eine Ausstellung, die auf beschränktem Raum einen verblüffenden Reichtum entfaltet, obwohl der Neuanfang im Nachkriegsdeutschland auf reduzierte Mittel, vereinfachte Formensprache und unscheinbare Materialien setzte. Aber im Detail wird der Minimalismus dann doch zum Spielfeld unbegrenzter Möglichkeiten.

Mit glamouröser Wirkung setzte Heinz Mack metallisch glänzende Industriematerialien in seinen Materialbildern und Stelen ein, mit denen der bedeutende Bildhauer die Lichtthematik der deutschen Philosophiegeschichte aufnimmt. Der Berliner Thomas Lenk – er zählt zu den Wiederentdeckungen dieser Ausstellung – setzte mit seinen aus seinen geschichteten und überlackierten Spanplatten Zeichen in den öffentlichen Raum, die er als „Aggressionswerke“ begriff. Sein erratisches „Auschwitz Memorial“ wie mit Schrecken aufgeladen.

Den gebürtigen Polen Mathias Goeritz würdigt Wiehager als „deutschen Vorläufer der amerikanischen Minimal Art“. Tatsächlich haben sich beide Strömungen weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. Goeritz’ Modell einer Stahlskulptur für den Wettbewerb für La Défense in Paris, „Türen ins Nichts“, ist ebenso zu sehen wie eine Abbildung der bis zu 57 Meter hohen „Satellitentürme“, die noch heute im Nordwesten Mexiko Citys aufragen: unbeschwerte Funktionslosigkeit als Monument künstlerischer Autonomie.

Der 1968 früh verstorbene Frankfurter Peter Roehr überführte das minimalistische Prinzip in neue Medien. Die Daimler Art Collection zeigt seine „Filmmontagen“, in denen der Künstler kurze Schnipsel aus Werbespots oder Wochenschauen zur Schleife montiert hat: Wieder und wieder fährt ein nächtlicher Zug auf eine weibliche Gestalt zu, bis das Scheinwerferlicht sich vollends in das Bild gefressen hat; lustvoll reibt sich ein Fotomodell die nassen Haare trocken, so oft, bis die demonstrative Geste zum entleerten Zeichen wird.

Viel Raum, entsprechend einem neu erwachten Interesse auf dem Kunstmarkt, nehmen Charlotte Posenenskes einfarbige Wandreliefs und ihre zu neuer Berühmtheit gelangten „Vierkantrohre“ ein. Diese Hohlkörper aus galvanisiertem Stahlblech sind Entlüftungsrohren zum Verwechseln ähnlich und können von Kuratoren oder Käufern aus den erworbenen Bausatzteilen nach Gutdünken zusammengesetzt werden. Die Künstlerin, die sich schon 1968, über siebzehn Jahre vor ihrem Tod, aus dem Kunstbetrieb zurückzog, übertrug auf diese Weise kreative Kompetenzen auf andere. Posenenskes Haltung einer Demokratisierung der Kunstproduktion, die man übrigens auch bei Franz Erhard Walther findet, schlägt eine Brücke zur Konzeptkunst unserer Zeit, die ihr Material noch radikaler in der Politik, Kommunikation und Ökonomie sucht. Der Aufbruch in den Sechzigern erweist sich als wichtiges Bindeglied für das Verständnis zeitgenössischer Kunst. Jens Hinrichsen

Daimler Art Collection, Potsdamer Platz, bis 30. Mai, Mo.–So. 11–18 Uhr.

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